Die Zärtlichkeit des Roy Andersson

Das Jahr 2020 war im wahrsten Sinne des Wortes ein düsteres für das Kino. Doch es gab auch Lichtblicke. Einen der schönsten konnten Kinointeressierte hierzulande im Herbst erhaschen: „Über die Unendlichkeit“ des Schweden Roy Andersson. Eine Kurzrezension.

Bereits 2019 auf verschiedenen Festivals vorgestellt, und in Venedig mit dem Silbernen Löwen in der Kategorie Regie ausgezeichnet, sollte es erst ab September 2020 einige Wochen lang möglich sein, den Film hierzulande auf großer Kinoleinwand zu genießen. Aber von der Verschiebung – ursprünglich anvisierter Kinostart war eigentlich März 2020 gewesen – hat das Werk im Rückblick auf unheimliche Weise profitiert: Eine untergründige Wahlverwandtschaft scheint das an irrealen Eindrücken nicht arme Jahr 2020 und die tendenziell absurden Andersson’schen Stimmungen zu verbinden.

Ausschnitt aus »Über die Unendlichkeit« von Roy Andersson © Neue Visionen Filmverleih

Minimalistische Miniaturanekdoten

Technisch und ästhetisch gesehen bietet „Über die Unendlichkeit“ keine Neuigkeiten: Anderssons prinzipieller Minimalismus mit seiner eigensinnigen Mischung aus Nachdenklichkeit und Phantasie wird gezielt fortgeführt, ja weitergetrieben. Der Experte für wortkarge, kondensierte Tragikomik, der Fabulierer des Ungesagten ist sich treu geblieben. Auch die typischen Momente grotesken Humors und verhaltener Fröhlichkeit fehlen nicht. Die Filmsprache changiert zwischen einer malerisch anmutenden Bildlichkeit in matten, gedämpften Farben bei konsequenter Dominanz von Grautönen, irgendwo zwischen Neuer Sachlichkeit und reduziertem Funktionalismus, und dem theatralischen Modus jener tableaux vivants, wie sie um 1800 in Europa so beliebt waren. Jede Szene bietet nicht mehr als eine Kameraeinstellung. Diese Konzentration ermöglicht auch in diesem Fall die quasi-meditative Ruhe, die sich am besten auf großer Kinoleinwand entfaltet.

Eine Stimme aus dem Off, in der Art einer Kinoerzählerin, nennt Thema oder Titel des jeweils folgenden Abschnitts, ähnlich einem Stummfilm-Zwischentitel. Roy Andersson selbst gab an, dass die Stimme für ihn ein Art Scheherazade darstelle, die jedes neue „Märchenstück“ einleite und filmisch „erzähle“. Das Werk bleibt als Ganzes per se unübersetzbar, weil mosaikartig aus kleinteiligen Miniaturen bestehend, die jeder eine Art Kurzfilm sui generis darstellen könnten. Verbunden sind nur einige dieser Miniaturen durch den Fokus auf eine Hauptfigur. Die meisten Sequenzen funktionieren anekdotisch, oft fast wortlos, ohne Charaktere oder Drama im eigentlich Sinne, während andere nur reines Geschehen enthalten.

Menschliche Zerbrechlichkeit als Leitmotiv

Wir beobachten beispielsweise einen Priester im verzweifelten Kampf mit seinem Glaubensverlust – im Gottesdienst, beim Psychologen, oder auch in einer Traumsequenz, in der er, vor der Kulisse einer zeitgenössischen, wahrscheinlich skandinavischen Stadt, die Stelle Christi auf dem Kreuzweg einnimmt. Oder einen Zahnarzt, der, seines Berufs überdrüssig, mitten in einer Behandlung einfach hinschmeißt. Auch historische Bezüge wurden verarbeitet, dieses Mal zu Deutschland und dem 2. Weltkrieg, wie etwa in der Szene, in der der Hitler der letzten Tage im Führerbunker einen Auftritt hat. In anderen bleibt selbst das Geschehen fast nur Andeutung, etwa wenn es um den sehnsüchtigen Blick eines Jungen zu einem Mädchen geht, oder die Freude einer Frau an dem Champagner in ihrem Glas. Das rätselhafteste, und in seiner Weise gelungenste der „reinen“ Kinobilder in diesem Film hat Andersson wohl mit dem sich innig umarmenden Liebespaar gefunden, das über den Trümmern des zerbombten Kölns schwebt.

Allen Konstanten zum Trotz gelingt es „Über die Unendlichkeit“ bei niedrigstem Energieaufwand immer wieder Überraschungen und Spannung zu kreieren. Denn die Traurigkeit à la Andersson ist keine Traurigkeit der Verzweiflung, sondern Grundstimmung einer so spröden wie hellwachen Zärtlichkeit. Menschliche Unzulänglichkeit wird weder erklärt, noch teilnahmslos bloßgestellt, noch voyeuristisch-mitleidig ausgeweidet. Behutsam distanziert, im Vertrauen auf die Kraft des Kinos, bannt Roy Andersson aufs Neue menschliche Zerbrechlichkeit in Bildern.

Ausschnitt aus »Über die Unendlichkeit« von Roy Andersson © Neue Visionen Filmverleih