Die versteinerte Wahrheit – Eine überfällige Erinnerung an Edgar Dacqué

»Die Überwindung dieses unseligen,

mit sich selbst endlos entzweiten Zustandes

wäre wahre Gotteskindschaft,

wäre Leben als Symbol des Ewig-Heiligen,

wäre Rückkehr zur Heimat.«

I.

Nicht wenige unabhängige Geister, die in den Jahren zwischen 1918 und 1945 aktiv waren und dabei Eigenständiges, Sperriges zuwege brachten, wurden nach 1945 rasch aussortiert. Sie mögen in manchem ganz schön danebengelegen haben, doch viele ihrer wertvollen Erkenntnisse gingen so verloren. Othmar Spann ist es so ergangen und auch dem heute völlig vergessenen Paläontologen und Naturphilosophen Edgar Dacqué (1878–1945).

Entsprechend fand eine Auseinandersetzung mit seinem Werk kaum statt, nur der mit ihm befreundete Schelling- und Spengler-Experte Manfred Schröter (1880–1973) versuchte, die Erinnerung wachzuhalten, indem er den Nachlaß betreute (siehe Vermächtnis der Urzeit sowie Werk und Wirkung, beide 1948). Die Sekundärliteratur zu Thomas Mann vermerkt immerhin, daß Dacqué mit seiner »Pseudo-Wissenschaft« einen gewissen Einfluß auf die Konzeption von Joseph und seine Brüder ausgeübt hat. Auch Gottfried Benn hat sich mit Dacqués Werk auseinandergesetzt. Literaturgeschichtlich interessant ist auch der Umstand, daß Dacqué und Schröter im Münchner Süden, in Solln lebten und starben, wo auch Erwin Guido Kolbenheyer, der Autor der bemerkenswerten Paracelsus-Trilogie (1917–25) und spätere Propagandist des »Dritten Reiches«, 1932 ein Haus erwarb und bis 1945 wohnte. Als Gründungsmitglieder gehörten beide, Dacqué und Kolbenheyer, wie auch Alfred Baeumler, der 1929 ins Leben gerufenen, aber schon 1933 wieder verbotenen Paracelsus-Gesellschaft an. Dacqué stellte seinem Bildnis Gottes (1943) ein Wort aus Kolbenheyers Roman voran: »Was willtu schriben, du verloren Kreatur? Und erfüllest du all papieren Blätter der Welt – so eines einzigen Herzens lutere Flammen daran stößet: sie möchtend all ufgehen in ihrem irdischen Brand, und nützit blijbt, dann ein Houfen Asch.« Doch trennten beide Autoren gleichwohl Welten – was schließlich hatte Kolbenheyers atheistischer Biologismus, seine Plasma-Theorie mit Dacqués Mythenforschung zu tun?

Zu Dacqués 100. Geburtstag 1978 erschien ein Portrait aus der Feder von Pastor Gerhard Schmolze (1928–2013) bezeichnenderweise im evangelischen Deutschen Pfarrerblatt. Was aber seine Berechtigung darin findet, daß Dacqués Würdigung des Volkes Israel gerade gegen Ende des Dritten Reiches dazu angetan war, junge Pfarrer gegen den Antisemitismus zu immunisieren – schließlich widmete Dacqué sein Buch Vom Sinn der Erkenntnis. Eine Bergwanderung schon 1931 niemand anderem als Martin Buber, »dem Künder alter Wahrheit«, während heute auf dem Rezensionsportal IASL online, scheinbar ohne Kenntnis auch nur einer seiner Zeilen, von Dacqués angeblichen »völkisch-nationalsozialistischen Ansichten« die Rede ist. Es ist ein Graus.

Doch worum geht es bei Dacqué?

II.

Dacqués erste Werkphase läßt sich nur als solide Wissenschaft charakterisieren. Seit 1915 Professor in München, veröffentlichte er Grundlagen und Methoden der Paläogeographie (1915), eine zweibändige Geologie (1919), Geographie der Vorwelt (1919) sowie eine Vergleichende biologische Formenkunde der fossilen niederen Tiere (1921)… hierher gehören auch noch Die Erdzeitalter (1930). Daß in all diesen Arbeiten beeindruckender Gelehrtenfleiß am Werke war, ist offenkundig. Nun kam aber etwas hinzu, was von den Gelehrten normalerweise ganz ausgeklammert bleibt, für Dacqué im weiteren aber zum Fluchtpunkt seines Denkens wurde, die »lebendige Religion«, ohne die doch alles nur Schall und Rauch ist. Dacqué wollte »Religion, Wissenschaft und Leben in eines zusammenschmieden«. So sprengte er 1924 die naturwissenschaftliche Disziplin, der er angehörte, und begab sich, die zweite Werkphase eröffnend, mit Urwelt, Sage und Menschheit auf spekulative, manche würden sagen: recht abschüssige Bahnen. Das Buch stellt den Versuch dar, Mythen und Sagen erdgeschichtlich, naturhistorisch zu deuten. »So ist der erste Schritt getan, in die Substanz der Mythenbildung einzudringen«, schrieb Dacqué rückblickend, »über alle bloß literarisch-ästhetische Betrachtungsart hinauszugelangen, so wurden demgegenüber die Sagen als Niederschlag frühesten Erlebens einer Urmenschheit in der äußeren Natur auszuwerten gesucht. «

Dieser Schritt weg von der rein akademischen Forschung hin zur spekulativen und, ja, gläubigen Philosophie vollzog sich nicht im luftleeren Raum: »Erst durch die lange Verhaltenheit des ersten Krieges und nach den seelischen Spannungen und Erschütterungen auch in den Jahren danach, war ich als über vierzigjähriger Mann imstande, jenes tiefere Schauen in Worte zu kleiden (…), das von jeher in mir weste und waltete.« Doch natürlich rauften sich die Naturwissenschaftler die Haare, während die Theologen nur den Kopf schüttelten. C. G. Jung schrieb, Dacqué sei seine »Sünde gegen den Zeitgeist akademisch übel bekommen«, denn, so Manfred Schröter, Urwelt, Sage und Menschheit habe »Dacqué die schon angebotene Berliner Professur gekostet«.

Zweifellos lag hier ein Konzept vor, das, hier und da Bezug nehmend auf Schellings Philosophie der Mythologie und der Philosophie der Offenbarung und ihr nicht unverwandt, als Kritik der modernen Wissenschaft von eben dieser nur abgelehnt werden konnte. »Die mythen- und sagenhaften Zustände einer geschichtlich nicht erkennbaren Menschheit, die überlieferten Bilder von Lindwürmern, Drachen, Stirnäugigen, müssen nicht unbedingt nur in erdgeschichtlichen Epochen draußen in der Natur gesucht werden, es können ganz oder teilweise auch Kennzeichnungen innerer, naturseelenhafter Kräfte und Gewalten in der Natur wie im Frühmenschen sein«, schreibt Dacqué. »Doch immerhin bleibt das Problem bestehen, wieso viele dieser Bilder so ganz auffallend mit einst wirklichen, von der Erdgeschichtsforschung erwiesenen Geschehnissen und Wesen übereinstimmen und wie der Mensch zu diesem Wissen kommen konnte, wenn er geologisch nicht uralt wäre. (…) Das erdgeschichtliche Alter des Menschen muß nicht (…) sehr hoch sein; seine Körpergestalt ist allerdings in einem bestimmten Sinn ursprünglich, er ist ein eigener Typus trotz aller Säugetierhaftigkeit; aber die Frühformen, von denen Mythen und Sagen erzählen, können ausschließlich oder zugleich auch archetypische Bilder innerster Zustände seiner Natur überhaupt sein. Die neuzeitliche Tiefenpsychologie weiß, daß auch im Jetztmenschen urbildliche Vorstellungen mythen- und sagenhafter Art als Symbole schlummern und ausbrechen können. Hier spürt man noch etwas von einem Urquell.«

Die Aktivierung und Interpretation der Mythen- und Sagen-Welt folgte letztlich dem Ziel einer Zusammenführung, einer Versöhnung von Paläontologie und Metaphysik, von Naturgeschichte und Religion, von Evolutionstheorie und Schöpfungstheologie. Alle nachfolgenden Arbeiten waren Weiterungen, Verästelungen, Vertiefungen und nicht zuletzt Korrekturen dieses Ansatzes, wie etwa Natur und Seele (1926), Leben als Symbol. Metaphysik einer Entwicklungslehre (1928), Natur und Erlösung (1933), Das verlorene Paradies. Zur Seelengeschichte des Menschen (1938), Das Bildnis Gottes (1939) und Die Urgestalt. Der Schöpfungsmythus neu erzählt (1940).

III.

Will man wesentliche Gedanken dieser umfangreichen Synthesen wiedergeben, ist zunächst einmal die Kritik an der herkömmlichen, darwinistischen Entwicklungs- bzw. Abstammungslehre zu nennen – Dacqué kehrte sie förmlich um: »Die Tierwelt (…) ist aus der Menschenbahn einseitig herausgetreten, abspezialisiert, überspezialisiert. In aller naturhistorischen organischen Entwicklung liegt der Mensch; aber nicht zuletzt und zufällig, sondern grundsätzlich und von Anfang an.« Was Gerhard Schmolze vereinfachend so zusammenfaßte: »Der Mensch stammt nicht vom Affen ab, sondern die Tiere sind insgesamt Seitenzweige menschlicher Entwicklungsstufen.« Und wie müssen wir uns diesen Menschen, den Urmenschen vorstellen? Tierisch, dumpf, wie Hegel meinte? Oder müssen wir, mit Schelling, den »Wahn von einem solchen stupiden Urzustand des Menschengeschlechts« ablehnen, da von ihm »aus kein Fortschreiten möglich ist«? Oder halten wir es gar mit dem phantasiebegabten René Guénon, der den ersten Vertreter der Urkultur des Goldenen Zeitalters als gottnahes, inspiriertes Geistwesen, als immateriell zeichnete? Schon die Vorstellung eines ganz gleichförmigen, entweder dumpfen oder aber selig-beseelten Urmenschen ist, gelinde gesagt, merkwürdig, als wären alle Menschen vor wer weiß wie vielen Hunderttausenden von Jahren, »in uralten Zeiten« mehr oder weniger identisch gewesen. In Das verlorene Paradies führt Dacqué aus, daß zu allen Zeiten das Höhere und das Dumpfe, das Heilige und Verbrecherische, das Gottnahe und Gottferne, das Erleuchtete und Tumbe, das Fromme und Unfromme nebeneinander hergingen – und so weist das Bild des Urmenschen entsprechende Variationen auf, prinzipielle Unterschiede. »Wir dürfen nicht glauben, daß jenes voll natursichtige, naturseelenhafte Dasein eitel Friede und Freude, Reinheit und Unschuld gewesen sei (…). Denn auch damals gab es, so gut wie heute, nicht nur verwegene und kühne heroische Lebensbejahung, sondern auch über die naturgegebenen Grenzen hinausgehendes, dämonisch niederes Begehren und Streben und Leidenschaftlichkeit. Schildern uns doch die Märchen und Sagen immerfort den Kampf zwischen dem lichten und dem abwegigen düsteren Menschenwesen.«

Dacqués Arbeit, die Spiegelung der Erdgeschichte im Mythos und des Mythos in der Erdgeschichte, greift dabei aus auf das Ganze und so betont Manfred Schröter die abschließende Entwicklung in Dacqués Denken: »Der ethisch-richterliche Ernst des religiösen Weltbilds überschattet mehr und mehr die mythische Naturanschauung und vertieft sie schließlich zu der christologischen Metaphysik seiner späteren Werke.« Dacqué bleibt nicht beim Mythos stehen, der Mythos, der Urwissen, ja Urwahrheit aufbewahrt, bedarf der Offenbarung. Den Zusammenhang und den Sinn des Ganzen können wir nicht entziffern und der Mensch kann sich selbst nicht verstehen ohne die Überlieferung der göttlichen Offenbarung, die den Urmenschen als Adam begreift: »Es ist also nicht so, als ob der Mensch erdgeschichtlich von allem Anfang an in äußerer Körperlichkeit dagewesen wäre, und als ob sich dann aus ihm zeugungsmäßig etwa Tiergestalt um Tiergestalt im Lauf der erdgeschichtlichen Lebensentwicklung abgezweigt hätte, so daß er selbst, wie er jetzt ist, sozusagen zuletzt rein übrig geblieben wäre in diesem Abzweigungsprozeß. Wohl aber sind alle diese Naturgestalten, aber auch er selbst in seiner physischen Körperlichkeit (…) Auswirkung, Symbol jener metaphysischen urbildenden Schöpfungsvorgänge, die ihn sozusagen ›meinten‹ und darum so lange Tierisches hervortreten lassen mußten, bis er selbst als Adam erscheinen konnte, d.h. organisch möglich geworden war. (…) Die organische Natur, mit Einschluß des empirischen Menschen selber, ist Auswirkungsvorgang der in der lebendigen, urbildhaft geschaffenen Urform ›Mensch‹ beschlossenen schöpferischen Kräfte.« Dieser Adam aber, der »echte Mensch Adam«, der gefallene Mensch, weist typologisch-antitypologisch auf einen ganz anderen voraus: Adam brachte die Sünde in die Welt, aber Gott – und es ist dies die »ungeheure Tatsache«, so Reinhold Schneider, »daß Gott in die Geschichte eingetreten ist« – aber Gott ist Mensch geworden in Jesus Christus, und Jesus ist der neue Adam, der hinwegnimmt die Sünde der Welt.

IV.

Dacqué, ein mystischer Wissenschaftler, ein wissenschaftlicher Mystiker? Ja. Aber ein paulinischer! Dacqués Werk korrespondiert vielleicht am ehesten mit Paulus’ Römerbrief (Röm 8,20-22), auf den Dacqué selbst kurz hingewiesen hat. »Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung: Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.« Mit dem Menschen sehnt sich auch die Kreatur nach Erlösung. »Mit der Schöpfung des Tieres war schon der Mensch gemeint, war alleiniger Zweck, alleiniges Ziel. Das ist der Sinn des Wortes, das Tier sei um des Menschen willen erschaffen; oder des Wortes: Der Mensch soll Herr werden über das Tier. (…) So würde es auch verständlich, warum der Mensch durch seinen Fall das Tier mit in das Elend des Unparadieses reißen mußte; denn Menschenurbild und Tierurbild sind jenseitig notwendige Stufen zueinander, damit überhaupt ihr Leben sei; sind innere Einheit, die im Jenseitigen begründet liegt.«

Zwar hat Schmolze recht – ein Großteil von Dacqués Arbeit darf als recht eigenwillig und auch als überholt gelten. Doch »käme es darauf an, seine Ansätze nach dem Stand der heutigen Forschung neu aufzunehmen«. Und eben diese Ansätze zur Synthese, seine Impulse, sein tiefgläubiges Ringen sind in unserer allzu wissenschaftsgläubigen Zeit gewiß nicht überholt.

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