Die Kardinaltugenden (IV): Maß

„Zum Richtigsein des Menschen gehört die Tugend des Maßes und der Zucht, wodurch er sich schützt gegen die Selbstzerstörung durch Genuß.“ JOSef Pieper

 

Wie die Tapferkeit, so ist auch Tugend des Maßes eine durch den aufklärerischen Liberalismus verkannte Tugend. Der Liberalismus setzt nämlich voraus, dass der natürliche Mensch gut sei und kann deswegen die Notwendigkeit des Maßes nicht anerkennen. Doch anders als Mineralien, Pflanzen und Tiere ist der Mensch nicht naturhaft geordnet, sondern er muss seine innere Ordnung erst erkämpfen und er kann bis zur völligen Unordnung, ja bis zur Selbstzerstörung innerlich verlottern.

Die europäische Tradition hat die vierte Kardinaltugend mit dem lateinischen Wort temperantia benannt, das sehr schwer ins Deutsche zu übersetzen ist. Der Begriff des Maßes klingt zu sehr nach einer bloß quantitativen Beschränkung, nach Mittelmaß und Mittelmäßigkeit. Gerade dies trifft den Sinn von temperantia aber nicht. Wer durch temperantia geprägt ist, der sorgt vor allem für seine innere Ordnung, er fügt die verschiedenen Anteile seiner selbst zu einem Ganzen. Josef Pieper schlägt daher vor, die vierte Kardinaltugend im Deutschen mit dem Doppelbegriff „Zucht und Maß“ zu benennen. Zucht ist dabei nicht als Selbstkasteiung zu verstehen, sondern als jene gesunde Askese und Disziplin, mit deren Hilfe der Mensch sich selbst zu seinen höchsten Möglichkeiten erziehen kann.

Wenn der Mensch durch Zucht und Maß seine innere Ordnung verwirklicht, wird ihm die Ruhe des Herzens zuteil, jene innere Sammlung, aus der alle wichtigen Entscheidungen hervorgehen müssen. Im Gegensatz zu den drei anderen Kardinaltugenden ist die vierte Tugend somit allein auf den Tugendhaften selbst bezogen. Die Zucht lässt den Menschen auf sich selbst blicken, ohne ihn selbstsüchtig und egoistisch zu machen. Ihr Gegensatz, die Unzucht, ist hingegen in ihrem Wesen egoistisch, lässt die Selbsterhaltungskräfte zur Selbstsucht verkommen. „Unzucht“ darf keineswegs auf das Sexuelle eingeengt werden; das (leider häufig missbrauchte) Wort wird hier gebraucht für die innere Ungeordnetheit, die Disziplinlosigkeit und Schlaffheit, die der Zucht entgegengesetzt sind.

Die wichtigsten Wirkungsorte der Zucht und ihres Gegensatzes, der Unzucht, sind jene Bereiche, die mit dem Selbsterhaltungstrieb und mit dem naturhaften Drang nach Genuss verbunden sind: Essen, Trinken und Sexualität. Ein naheliegendes Missverständnis besteht darin, dass die Tradition hier deshalb zu Selbstzucht auffordere, weil sie diese Bereiche für minderwertig oder gar für unrein halte. Man vermutet einen versteckten oder offenen Manichäismus in der christlich-abendländischen Tradition.

Zweifellos gab es sinnenfeindliche, manichäische Strömungen in der Geistesgeschichte des Abendlandes. Deren orthodoxer Hauptstrom jedoch verurteilte den Manichäismus und sein sinnenfeindliches Reinheitsstreben als Häresie, als gefährliche Abweichung von der Wahrheit. Dies ist nicht nur kulturhistorisch interessant, sondern verweist auf eine wichtige Tatsache: Essen, Trinken und Sexualität sowie der damit verbundene leibliche Genuss sind keine Übel, sondern gut – und gerade deshalb muss der Mensch dafür Sorge tragen, dass sie ihn nicht durch Unmäßigkeit und Unzucht in die Selbstzerstörung führen.

Gegen Manichäismus und Stoizismus bejaht die christlich-abendländische Tradition nicht nur die Geschlechtskraft und andere sinnliche Kräfte des Menschen, sondern auch den Zorn, wenn er für das Gute und Gerechte eifert. Sie bejaht sogar das vorübergehende Sich-Verlieren in Zorn und Lust, wenn es nicht wider die gute Ordnung geht.

Unzucht stört das innere Gefüge der Person, indem diese aus ihrer Mitte herausgerissen wird. Dies führt in einen Teufelskreis: Der unmäßige Genuss gibt nicht die Erfüllung, die der Mensch in ihm sucht, weshalb er sich noch weniger mäßigt und letztlich der Sucht verfällt. Die Tugend der Klugheit wird dadurch zerstört, die Fähigkeit, das Wahre und Wirkliche sachgemäß zu sehen und dementsprechend zu handeln. Denn der Genusswille führt zu Selbstsucht, verzerrt und verengt die Wahrnehmung durch Interesse, bis hin zu einer Blindheit des Geistes. Alle Süchte sind Verirrungen der temperantia.

Die Tradition unterschied zwischen unzüchtigen, unmäßigen Handlungen einerseits und einer habituell gewordenen Unzucht und Unmäßigkeit andererseits. Die habituell gewordene Unzucht ist in ihrer destruktiven Wirkung als das weitaus größere Übel zu betrachten, während einzelne unbeherrschte Ausschweifungen der Unzucht durch Reue geheilt werden können. Im besten Fall jedoch durchformen Zucht und Maß das innerste Wesen und Begehren des Menschen, sodass sie anstrengungslos verwirklicht werden können. Jegliche Form der Askese (etwa das Fasten) sollte stets mit Heiterkeit einhergehen. Heiterkeit ist ein Zeichen der Gelassenheit, sie verhindert, dass der Hinblick auf sich selbst und die eigene innere Ordnung zur Selbstsucht wird.

In der Rangordnung der Kardinaltugenden steht die Tugend der Zucht und des Maßes an vierter Stelle, denn in ihr findet nicht direkt die Erkenntnis und Verwirklichung des Guten und Gerechten statt; vielmehr dienen Zucht und Maß als Dämme, welche dafür sorgen, dass der Strom des Guten und Gerechten nicht seine Richtung verliert und über die Ufer tritt.

Wie äußere Disziplin auf die innere Ordnung eines Menschen zurückwirkt, so durchformt auch umgekehrt die Seele mit ihrer Ordnung oder Unordnung den Leib. Zucht und Maß bewirken Nüchternheit, Befreiung, Reinigung des ganzen Menschen. Dies ist dem Menschen sogar an seinem Gesicht, seiner Haltung und seinem Körper anzusehen. Versteht man es nicht zu oberflächlich, kann man also formulieren, dass Zucht und Maß den Menschen schön machen.