Die Kardinaltugenden (V): Epilog für die Gegenwart

Heute können wir das Richtigsein des Menschen, wie es im Viergespann der klassischen Kardinaltugenden zum Ausdruck gebracht ist, nur verwirklichen, indem wir eine Reihe von Illusionen überwinden, die fest in unserem Denken verwurzelt sind:

– Um das Richtbild der Tugenden in Ehren zu halten, müssen wir sehen, dass man einen Menschen nicht dem beurteilen sollte, was er sagt und schreibt, ja letztlich nicht einmal nach dem, was er tut, sondern nach dem, was er ist.

– Wir können das Gute und Wahre, wie es in der Ordnung des Seins vorgebildet ist, nicht nach unserem Belieben manipulieren oder konstruieren, sondern müssen vielmehr ihm gemäß und ihm entsprechend denken und handeln.

– Wichtiger als aller materielle Wohlstand ist das Gute und Wahre und dass es in der geistigen Ordnung des Menschen verwirklicht werde. Schlimmer als Armut und materielle Not, schlimmer selbst als Verwundung und Tod ist das tiefe Schuldigwerden des Menschen, der sich gegen das Gute und Wahre verfehlt.

– Es gibt keine „gute Gesinnung“ ohne den Willen zur Tat. Auch kann es keine gute Tat ohne die Rückbindung an das Gute und Wahre in der Ordnung des Seins geben. Kein noch so guter Zweck heiligt verfehlte Mittel. All dies wird in der Tugend der Klugheit erkannt und verwirklicht.

Gerechtigkeit ist nicht Gleichheit und Gleichmacherei, sondern bedeutet, jedem das Seine zu geben. Alles Tun macht uns zu Gläubigern oder Schuldnern; der Wille, ein für allemal die gerechte Weltordnung zu verwirklichen, ist an seiner Wurzel totalitär. Aber es gilt: „Unrecht leiden ist besser als Unrecht tun.“

– Nicht das Gute hat die Übermacht in der Welt, sondern das Böse, da wir, christlich gesprochen, in einer „gefallenen Welt“ leben. Aus diesem Grund muss der Mensch dem Bösen durch todbereite Tapferkeit standhalten, statt sich durch das Böse überwinden zu lassen. Dieser Kampf gegen das Böse geschieht selbst im beheizten Biedermeier unserer Wohlstandsgesellschaft.

– Der natürliche Mensch, sich selbst überlassen und ohne die Verfeinerungen und Hemmnisse der Kultur, ist keineswegs gut und innerlich geordnet, sondern neigt vielmehr zur inneren Unordnung, zu Brutalität, Sentimentalität, Zuchtlosigkeit und Sucht. Der Mensch muss sich und sein Bedürfnis nach sinnlichen Genüssen durch Zucht und Maß bändigen und es einspannen für den Kampf um das Gute und Gerechte.