Die Kardinaltugenden (III): Tapferkeit

„Der Mensch, der klug und gerecht ist, weiß, daß er zur Verwirklichung des Guten in dieser Welt des Einsatzes der Person bedarf. Er ist – in der Tapferkeit – bereit, um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen Nachteile und Verwundungen in Kauf zu nehmen.“ (Josef Pieper)

 

Die Tapferkeit ist zwar in der Rangordnung der Kardinaltugenden der Klugheit und der Gerechtigkeit nachgeordnet, aber es könnte dennoch heute besonders wichtig sein, von ihr zu sprechen. Denn mit dem aufklärerischen Liberalismus ist die Illusion aufgekommen, dass der natürliche Mensch gut sei und dass deshalb das Gute sich über kurz oder lang „von selbst“ verwirkliche, ohne den todbereiten Einsatz der guten Menschen. Die Tradition abendländischen Denkens ist hier realistischer: Sie überliefert das Wissen, dass nicht das Gute, sondern das Böse die Oberhand in der Welt hat, und dass deshalb der gute Mensch im Kampf gegen das Böse die Tugend der Tapferkeit benötigt. Tapferkeit ist die Bereitschaft, Verwundungen auf sich zu nehmen, im schlimmsten Fall zu sterben für die Verwirklichung des Guten. Ja, letztlich ist Tapferkeit an ihrer Wurzel immer Todesbereitschaft, weil jede Verwundung Ausdruck der Macht des Todes, der Gewalt des Nichts ist. Eine Tapferkeit, die nicht auch Todesbereitschaft ist, reicht nicht sehr tief, ist letztlich keine wahre Tapferkeit.

Todesbereitschaft ist hier keineswegs als Lebensverachtung, als romantische Todessehnsucht oder als lebensmüdes Draufgängertum zu verstehen, im Gegenteil: Der Tapfere weiß um den Wert des Lebens und geht nur dann in den Tod, wenn die Übermacht des Bösen es erzwingt. Der Tapfere verachtet das Leben nicht, aber er weiß, dass es tiefere Verwundungen gibt als diejenigen, die das Böse ihm zufügt, dass nämlich im Kampf um das Gute die Integrität seines Wesenskernes auf dem Spiel steht. Um diese Integrität zu bewahren, hält der Tapfere dem Bösen stand. In der Tradition christlichen Denkens gilt die Tapferkeit des Märtyrers als beispielhaft, denn dieser schwört auch unter äußerstem Druck, unter Folter und Todesdrohung, nicht dem Glauben ab. Er hält dem Bösen stand und erringt dadurch den Sieg. In jüngerer Zeit hat Martin Mosebach mit seinem Buch Die 21 die Gestalt des christlichen Märtyrers, des Glaubenszeugen, dem Abendland erneut in Erinnerung gerufen.

Das Gesagte dürfte bereits einsichtig machen, warum die Tapferkeit der Klugheit und der Gerechtigkeit nachgeordnet ist. Die Bereitschaft, Verwundungen um des Guten willen auf sich zu nehmen, setzt ein Wissen um das Gute voraus. Aber auch umgekehrt sind Klugheit und Gerechtigkeit nicht ohne Tapferkeit möglich, weil sie sich der Verwirklichung des Guten und Gerechten in einer Welt verschreiben, die von der Übermacht des Bösen, von der Herrschaft des Unrechts geprägt ist. Es zeigt sich hier – wie an vielen anderen Punkten – die enge Verflechtung der Kardinaltugenden miteinander.

Tapferkeit ist keine Furchtlosigkeit. Der Tapfere ist nicht frei von Furcht, denn er schätzt das Leben und dessen Güter und weiß darum, dass es ein Übel ist, sie zu verlieren. Aus Kierkegaards Werk Der Begriff Angst stammt der Satz: „Wer sich richtig zu fürchten gelernt hat, der hat das Höchste gelernt.“ Sich richtig zu fürchten bedeutet, die Rangordnung des Furchtbaren zu kennen. An der Spitze dieser Rangordnung steht nicht die physische Verwundung, nicht einmal der Tod, sondern das Schuldigwerden durch Unrechttun – als äußerste Gefährdung des Menschen. Tritt das Böse als Übermacht auf – was, entgegen aufklärerischer Illusionen, eher die Regel als die Ausnahme sein dürfte –, so bleibt dem Tapferen nur das Standhalten, so kann er den Sieg nur im Tod erringen. Zur Tapferkeit gehört deshalb Geduld, eine Festigkeit des Herzens, die sich trotz aller Verwundungen, Hindernisse und Rückschläge nicht die Heiterkeit und Klarsicht nehmen lässt. Wenn es sinnvoll erscheint, erschöpft sich die Tapferkeit aber keineswegs im Standhalten und in der Geduld, sondern greift das Böse an. Dies kann auch gerechten Zorn mit einschließen.

Wem es an Tapferkeit mangelt, der ist übermäßig darauf bedacht, sein Leben zu sichern und zu erhalten, der kann sich nicht hingeben und nicht loslassen. Krampfhaft hält er sein Leben und seine Sicherheit umklammert und verliert beides gerade dadurch. Es zeigt sich darin die Wahrheit des Jesuswortes: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren“ (Matthäus 16,25). Es ist bezeichnend, dass ein Mangel an Tapferkeit und die damit verbundene Selbstsucht auch gemäß der modernen Psychologie eine der Hauptwurzeln von Neurosen ist. Tapferkeit bedeutet das Aufgeben des krampfhaften Sicherheitswillens und die Bereitschaft zur Hingabe. Dies setzt wiederum ein Vertrauen in sich selbst und in Gott sowie die grundlegende Bejahung der Wirklichkeit (trotz all ihrer Widrigkeiten) voraus. Tapferkeit schließt auch die Hoffnung mit ein, dass das Böse nicht das letzte Wort haben und siegen wird, sondern dass das Böse letztlich durch das Gute überwunden werden wird. Nur diese Hoffnung ermöglicht Tapferkeit in äußerster Bedrängnis.