Der Fragebogen: Szczepan Twardoch

Zeitgenössische Autoren, die einen eigenen Stil pflegen und aus dem undurchsichtigen Blätterwald von ständigen Neuerscheinungen berechtigterweise herausragen, sind selten. Der 1979 geborene polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch ist einer davon.

Twardoch ist kein leidender Schriftsteller. Zumindest niemand, der sein eigenes, inneres Leid nach außen kehrt, um damit seinen Erzählungen den Anschein von Authentizität zu verleihen. Zugleich ist Twardoch bemerkenswert gut gekleidet und scheut sich nicht, Werbung für den Automobilhersteller Mercedes oder kostspielige Modemarken zu machen. Dass dieses Engagement bei einigen Schriftstellerkollegen nicht gut ankommt, war zu erwarten.

Doch Twardochs Männerbild ist ein anderes, wovon auch die Protagonisten seiner Romane Zeugnis ablegen. Sie verkörpern keine moderne, gebrochene Männlichkeit, sondern sind Gangster, Boxer, Krieger, Unternehmer und Lebenskünstler. Männer, die ihr Ding durchziehen und zur Stelle sind, wenn es drauf ankommt. Dementsprechend düster sind auch die Szenen, die Twardoch zeichnet, um damit zugleich eine wunderbare Retro-Noir Ästhetik zu erzeugen.

Hervorzuheben ist Twardochs bisher größter Erfolg „Der Boxer“ (2016), der in dem Warschauer Ghetto der 1930er Jahre spielt. Twardoch porträtiert einen jungen jüdischen Boxer, der sein Schicksal selbst in die Hand nehmen muss und gezwungenermaßen zu einer Art Untergrundkönig avanciert. Neben der dichten Stimmung und der teils sehr düsteren Szenen zeigt Twardoch uns, dass es immer Menschen sind, die Geschichte schreiben und keine Ideologien. 

Als Repräsentant polnischer Gegenwartsliteratur stellt sich Szczepan Twardoch dem anbruch-Fragebogen.

Leben Sie eher digital oder analog?

Ich bevorzuge es, analog zu leben, aber oftmals passieren wichtige Dinge auch über das Internet. Ich hasse das, aber ohne geht es nicht.

Was war Ihr letzter Konzertbesuch?

Ich gehe nicht oft auf Konzerte, weil ich kein Fan großer Menschenmassen bin. Die einzige Ausnahme mache ich bei Swans, die ich 2016 in Berlin gesehen habe. Oder war das auf dem Off-Festival in Kattowitz ein Jahr später? Ich weiß nicht mehr genau. Oder vielleicht Masecki und Mlynarskis Straßenkonzert in Warschau? Kann auch sein, weiß ich nicht mehr so genau, ich war wahrscheinlich zu betrunken.

Berlin oder München?

Berlin, ohne Zweifel und ohne Zögern. Ich lebe in einer kleinen oberschlesischen Stadt und auf der ganzen Welt mag ich nur zwei Städte, Berlin und Warschau. Vielleicht noch Lissabon, aber das ist zu weit entfernt.

Was haben Sie von Ihren Kindern gelernt?

Ich habe von ihnen viel über die Liebe gelernt. Ich habe gelernt, dass Liebe bedingungslos sein kann.

Sind Vegetarier die besseren Menschen?

Nein, das sind sie nicht.

Woran denken Sie, wenn Sie an Corona denken?

Jetzt hört aber mal auf, ja?

Brecht oder Rilke – und warum?

Ich weiß nicht, aber Brechts proletarische Sensibilität sagt mir eher zu. Ich bin nicht zartbesaitet und habe für Zartbesaitete auch nicht viel übrig.

Wo würden Sie niemals Urlaub machen?

Ich würde niemals einen All-Inclusive-Urlaub machen, ich hasse überfüllte Resorts und Strände, große Hotels und so. Ich gehe immer dahin, wo ich schon war. Trekking in Svalbard oder irgendwo Segeln, oder nach Kreta, zum Weintrinken und essen. In meinen Zwanzigern bin ich oft Backpacken gewesen, aber jetzt habe ich die Lust auf Entdeckungsreisen verloren. Ich habe schon alles gesehen was ich will.

Wen finden Sie lustig?

Fragen wie diese finde ich lustig.

Ab welchem Alter fängt das Leben erst richtig an?

Ziemlich sicher mit Anfang zwanzig, wenn man ein Mensch geworden ist. Teenager sind sicherlich noch keine.

Was löst der Name Heidegger bei Ihnen aus?

Die schwerste Klausur im Philosophiestudium, Hannah Arendt, die NSDAP und das Buch “Das geteilte Gehirn” von Iain McGilchrist, der starke Zusammenhänge zwischen Heideggers Phänomenologie und der Aktivität der rechten Hirnhälfte aufzeigt.

Wein oder Bier?

Wein. Und Whisky. Und Cocktails. Bier nur an den heißesten Sommertagen.

Mit welchem Politiker würden Sie am ehesten im Fahrstuhl stecken bleiben wollen?

Marc Aurel.

Ihr musikalischer Geheimtipp?

Ich habe keinen einzigen Lieblingskünstler.

5-​Gänge-Menü beim Starkoch oder Hausmachereintopf mit Zutaten der Saison aus dem eigenen Garten?

Ich hasse Eintöpfe, aber sonst liebe ich es zu kochen und in einem guten Restaurant zu essen. Ich kann mich nicht entscheiden.

In welcher historischen Epoche würden Sie am liebsten wiedergeboren werden wollen und warum?

In irgendeiner anderen Epoche wäre ich vermutlich ein Sklave oder Bauer der für seinen Feudalherren arbeiten müsste – von daher bin ich mit den jetzigen Zeiten ganz zufrieden.

Elvis oder Sinatra?

Mir egal.

Unterwegs im Museum: Lieber eine gut gemalte Mülltonne oder ein schlecht gemaltes Märchenschloss?

Weiß ich nicht.

Welcher Autor langweilt sie?

Die meisten.

Was sammeln Sie und warum?

Alte Armbanduhren, aber mit wenig Enthusiasmus und ohne wirklichen Grund. Und ein paar andere Dinge – was genau, möchte ich jedoch nicht preisgeben.

Was spricht für die Religion?

Dein Hirn braucht es. Aber wähle weise.

Mit welchem Zeitgenossen würden Sie gerne für einen Tag lang Geist oder Körper tauschen und warum?

Mit einer wunderschönen Frau in ihren frühen Zwanzigern.

Man verbannt Sie aus Ihrer Heimat. Wo suchen Sie ein Exil?

In Berlin. Die Stadt fühlt sich sowieso schon wie mein Zuhause an.

Ihre Bibliothek brennt und Sie können genau ein Buch retten, welches wäre das?

Keines. Bücher sind ersetzbar. Ich würde nur meine Notizbücher retten.

Was sollte die Menschheit ernster nehmen als jetzt, was weniger ernst?

Ich weiß es nicht, ich bin nur ein Schriftsteller.

Zu welcher Tageszeit kommen Ihnen die besten Gedanken?

Am frühen morgen und kurz bevor ich einschlafe.

Picasso oder Rembrandt?

Rembrandt, wenn ich wählen müsste.

Sie haben Visionen. Wohin damit, zum Arzt oder in die Politik?

Ich würde ein Buch drüber schreiben.

Wer müsste unbedingt bekannter sein?

Sozialarbeiter.

Wovor haben Sie Ehrfurcht?

Dem Ozean. Immer. Und vor den Gletschern, die ihr grünes Eis ins Meer gebären.

Welcher Mensch hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?

Meine Großmutter, weil sie den Zweiten Weltkrieg tapfer überstanden hat und mein Großvater, der ein Mordskerl gewesen ist und sogar 100 Jahre alt geworden ist.

Wie fühlen Sie sich nach Beantwortung dieses Fragebogens?

Müde. Ich hasse es, auf Englisch zu schreiben.

*

Die Werke von Szczepan Twardoch gibt es hier.

Aus dem Englischen: Oliver Niehaus