Der Fragebogen: Arne Kolb

Vor einigen Wochen erhielten wir erstmals Nachricht von Arne Kolb, der uns von seinem Wehrdienst – präziser: seiner “vom Steuerzahler alimentierten Dostojewski-Lektüre” – berichtete und gleich auch einige Aphorismen zur Begutachtung mitsandte. Seitdem wurde ihm binnen denkbar kurzer Frist wiederholt das zuteil, wonach sich andere Sentenzenschmiede ein Leben lang umsonst verzehren: Lob von Michael Klonvosky.

Leben Sie eher digital oder analog?

Alle wesentlichen Aspekte meines Lebens, ästhetischer, sexueller, politischer oder finanzieller Art sind längst virtualisiert. Der physische Raum hat in unserem Jahrtausend keinen Platz mehr.

Was war Ihr letzter Konzertbesuch?

Das war eine Modern-Talking-Coverband. Das (Original) war ja damals in den 90er Jahren, als die Postmoderne noch frisch war. So etwas Schwules wird heute gar nicht mehr gemacht – das ist ein gesellschaftlicher Rückschritt.

Berlin oder München?

Berlin. Berlin ist eine der wenigen Großstädte, in deren Asphaltwüste die Wurzeln des Lebens noch nicht ganz verdorrt sind. Spengler hat jedenfalls in München gelebt.

Was haben Sie von Ihren Kindern gelernt?

Ich bin zum Glück sehr unfruchtbar.

Sind Vegetarier die besseren Menschen?

Dass Frauen und Vegetarier die besseren Menschen sind, gehört zu den wenigen absolut gesicherten Tatsachen der Soziologie.

Woran denken Sie, wenn Sie an Corona denken?

Das macht mir große Sorgen. Da müssen wir als Zivilgesellschaft alle eng zusammenstehen.

Brecht oder Rilke – und warum?

Dramatiker mit Lyrikern zu vergleichen, ist etwa so, wie Rennwagen mit Obstsorten. Deshalb: Rilke.

Wo würden Sie niemals Urlaub machen?

Seine Sehnsuchtsorte darf man natürlich nicht durch Besuche ruinieren; das Entscheidende am Urlaub ist ja nur, dass einem das Einfamilienhaus in der Westzone nachher wieder schön vorkommt. Nach Dänemark sollte man trotzdem nicht gerade fahren.

Wen finden Sie lustig?

Bodo Wartke.

Ab welchem Alter fängt das Leben erst richtig an?

Meines vermutlich so mit vierzig ungefähr, hoffe ich jedenfalls.

Was löst der Name Heidegger bei Ihnen aus?

Leider wenig. Ich habe damals Sein und Zeit auf Seite 150 weggelegt, weil ich dachte: Jetzt entbirgt sich nichts mehr.

Wein oder Bier?

Da Leute, die sich individuell dünken, wenn sie in Fragebögen von den dargebotenen Antworten abweichen, besonders widerwärtig sind: Wein.

Mit welchem Politiker würden Sie am ehesten im Fahrstuhl stecken bleiben wollen?

Am ehesten noch mit Robert Habeck, das ist ein sehr kluger Kopf, der auch gute Ideen hat, was die Probleme der Menschen und die Zukunft der Erde angeht.

Ihr musikalischer Geheimtipp?

Ich empfehle Jännerwein, wer Lines raushaut wie „Wie die Lichter dieser Stadt / gleich den toten, weiten Sternen / eines fernen Himmels statt / uns mit kaltem Lichte wärmen“, der ist auf jeden Fall angekommen auf der Metaebene.

5-Gänge-Menü beim Starkoch oder Hausmachereintopf mit Zutaten der Saison aus dem eigenen Garten?

Ja, ein 5-Gänge-Menü beim Starkoch ist irgendwo dekadent, aber kulinarische Selbstversorger sind halt auch irgendwo Leute, die sich zu oft Werbespots für Kuhmilch oder so angeschaut haben.

In welcher historischen Epoche würden Sie am liebsten wiedergeboren werden wollen und warum?

Am besten in der Zukunft, da bestünde zumindest theoretisch die Hoffnung, in einer Zeit geboren zu werden, da die Menschen ihre Hoffnung nicht ins Morgen vertagen.

Elvis oder Sinatra?

Dann schon eher Elvis, zumal Frank Sinatra ja glaube ich auch gar nicht mehr lebt.

Unterwegs im Museum: Lieber eine gut gemalte Mülltonne oder ein schlecht gemaltes Märchenschloss?

Immer die Mülltonne, auch wenn sie schlecht gemalt ist.

Welcher Autor langweilt Sie?

Eigentlich alle, die in einem Literaturlexikon in den Kapiteln nach „Ästhetizismus, Symbolismus, Expressionismus“ und vor „Postmoderne und Pop-Literatur“ vorkommen.

Man verbannt Sie aus Europa. Auf welchem anderen Kontinent oder in welchem Land suchen Sie ein Exil?

Ich würde nach Südamerika gehen. Den Südamerikanern gehört die Zukunft.

Was sammeln Sie und warum?

Ich sammle nichts. Warum auch?

Mit welchem Zeitgenossen würden Sie gerne für einen Tag lang Geist oder Körper tauschen?

Ich hätte gerne den Körper von Michael Nast, seinen Geist darf er natürlich gern behalten.

Was spricht für die Religion?

Wenn man von der Religion einen Nutzen verlangt, hört sie auf nützlich zu sein. (Hier möge der geneigte Leser einen Augenblick verharren)

Spiegel oder NZZ?

Hm, ja also ob Westfernsehen was taugt, ich weiß nicht… Ich bin jedenfalls langjähriger Spiegel-Abonnent.

Ihre Bibliothek brennt und Sie können genau ein Buch retten, welches wäre das?

Ich würde Auf den Marmorklippen retten, das hätte es vermutlich am allerwenigsten verdient, im Flammenmeer zu versinken.

Was sollte die Menschheit ernster nehmen als jetzt, was weniger ernst?

Die Ansichten der Menschheit sind allgemein nur von mittelgroßem Interesse.

Zu welcher Jahres- oder Tageszeit kommen Ihnen die besten Gedanken?

Die besten Gedanken kommen vor dem Geschlechtsverkehr, während der Depression und nach dem Dessert.

Picasso oder Rembrandt?

Diese Autoren sagen mir leider beide gar nichts.

Sie haben Visionen. Wohin damit, zum Arzt oder in die Politik?

Dass etwas nichts bringt, ist ja kein Grund fürs Bleibenlassen. Immer rein damit in die Politik, je oller, je doller. Selbst auf dem Sterbebett muss man noch trotzig sein und unversöhnt mit der Welt.

Wer müsste unbedingt bekannter sein?

Sicherlich müsste z.B. Hertha Müller unbedingt bekannter sein, um einen Nobelpreis zu verdienen, allerdings fürchte ich: Die Leute, die wirklich bekannt sein müssten, die kennt man gar nicht.

Wovor haben Sie Ehrfurcht?

Die Ehrfurcht schließt den Mund.

Welcher Mensch hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?

Es ist nicht sehr beeindruckend, ein Buch zu schreiben, wenn man Goethe ist. Mir imponiert gerade, wer sein Leben der Kunst widmet, ohne je auf eine Belohnung in Form des Gelingens rechnen zu können; Böll etwa oder Grass.

Wie fühlen Sie sich nach Beantwortung dieses Fragebogens?

Man fühlt sich gereinigt und kompromittiert zugleich; all das spricht sowohl für als auch gegen Ernst v. Salomon.

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