Der Dichter als Seher

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— Zu Rüdiger Safranskis Hölderlin-Biographie —

Die lateinische Sprache kennt zwei Worte für ‚Dichter‘: poeta und vates. Poeta meint den Dichter, wie man ihn landläufig kennt: als einen, der nach bestimmten Regeln Sprachkunstwerke formt. Der vates hingegen hat noch eine weitere Bedeutung. Er ist nicht lediglich einer, der über außerordentliches Sprachvermögen, Einbildungskraft oder mimetische Begabung verfügt. Vielmehr steht er auch in enger Verbindung zum Numinosen, Jenseitigen, Göttlichen; er ist inspiriert – ‚begeistert‘ – in einem ganz eigentlichen Sinne und hat daher seherische Fähigkeiten. Der vates erzählt nicht nur, er kündet und offenbart. Friedrich Hölderlin war seinem Selbstverständnis nach ein vates.

Erschienen im HANSER Verlag.

Nicht allein, aber auch wegen dieses Selbstverständnisses gilt Hölderlin in der deutschen Literaturgeschichte als eine singuläre, enigmatische Gestalt. Rüdiger Safranski hat es nun unternommen, das Leben dieses eigen- und einzigartigen Dichters zu beschreiben. Er bedient sich dabei einer Methode, die er bereits in mehreren, vielgelesenen Biographien entwickelt und beständig verfeinert hat: Der Tenor seiner Darstellung ist getragen von grundsätzlicher Sympathie zum Protagonisten; gleichwohl wahrt er dabei stets objektive Distanz, zuweilen kann er auch einen ironischen Blickwinkel einnehmen. Hinzu kommt sein unprätentiöser und zugleich präziser und detailrealistischer Sprach- und Erzählstil, der sich wohltuend von der allzu oft hermetischen Diktion der akademischen Germani­stik abhebt. Safranski meidet zwei Gefahren, die beim Wagnis des biographischen Schreibens immer drohen: die nivellierende Verzeichnung ins Allzumenschliche einerseits und die monumentalästhetische Überhöhung andererseits. So wird seine biographische Kunst der vielschichtigen Existenz Hölderlins mit der ihr innewohnenden Tragik und nicht zuletzt auch dem Œuvre dieses Dichters gerecht.

Auf biographischen Umwegen

Das Leben des am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar geborenen Friedrich Hölderlin scheint früh vorbestimmt: Aufgewachsen im Milieu der schwäbischen ‚Ehrbarkeit‘, dem gehobenen Mittelstand, schlägt er mit 14 Jahren auf Betreiben seiner Mutter (der Vater stirbt bereits 1772) die theologische Laufbahn ein, um dereinst Pfarrer in der württembergischen Landeskirche zu werden. Er tritt ein in eine streng geregelte Ausbildung, die zunächst an den Klosterschulen Denkendorf und Maulbronn und schließlich am Tübinger Stift erfolgt. Trotz der Härte und Klausurierung, die das Leben in den württembergischen Eliteschulen kennzeichnen, empfängt er insbesondere im Tübinger Stift wichtige, nachhaltig prägende Anregungen. Da ist zum einen die neuartige Philosophie Immanuel Kants, die dort, wenn auch teils mit einer gewissen skeptischen Distanz, gelehrt wird. Sie wird zu einem wichtigen Stimulans für das Denken des jungen Hölderlin. Wegweisend ist zum anderen der Freundschaftsbund, den Hölderlin mit seinen Mitstudenten Hegel und Schelling schließt. Aus ihm geht, als Frucht des gemeinsamen Philosophierens, jener Text hervor, den man später als ‚ältestes Systemprogramm des deutschen Idealismus‘ bezeichnen wird. Hinzu kommt schließlich das zeitgeschichtliche Ereignis schlechthin, die Revolution in Frankreich. Sie bewirkt bei Hölderlin, wie bei so vielen seiner Zeitgenossen, eine grundlegende Politisierung. Die Idee des Republikanismus übt eine enorme Anziehungskraft auf ihn aus.

Obgleich Hölderlin seine theologische Ausbildung erfolgreich abschließt, führt sie ihn nicht zum von der Mutter erhofften Ziel, der Pfarrstelle. Noch während seiner Zeit im Stift entscheidet er sich gegen eine Existenz als Pfarrer und gelangt allmählich zu dem Entschluss, seiner Berufung zum Dichter zu folgen – wohl wissend, dass er dabei einen Brotberuf wird ausüben müssen. Er will für die Literatur leben, erkennt aber, dass man nicht von ihr leben kann. So beschließt er, wie nicht wenige andere junge Intellektuelle seiner Zeit und aus seinem Umfeld (Hegel etwa), als Hofmeister – so nannte man den Hauslehrer in adligen oder vermögenden Familien – sein Geld zu verdienen. Damit begibt er sich in eine Konstellation, die ökonomisch riskant, wenn nicht prekär ist und in der Demütigungen nicht ausbleiben.

Friedrich Hölderlin, Porträt von Franz Karl Hiemer, etwa 1792. (wikimedia commons).

Hölderlins Existenz als Hofmeister verläuft über mehrere Stationen. Sie beginnt mit der Anstellung im Haushalt der mit Friedrich Schiller befreundeten Charlotte von Kalb im thüringischen Waltershausen und wird ihn bis nach Bordeaux ins Haus des Hamburger Konsuls Meyer führen. Die finanzielle Basis, die er damit für seine literarischen Projekte legt, wird immer fragil bleiben. Das hätte nicht unbedingt so sein müssen, denn eigentlich stammte Hölderlin aus wohlhabenden Verhältnissen. Mit seinem väterlichen Erbe, das die Mutter klug für ihn verwaltete, hätte es eine Grundlage gegeben, die wohl tragfähig genug gewesen wäre, ihm ein freieres Dasein als Dichter zu ermöglichen. Dieses Erbe einzufordern hätte allerdings für ihn bedeutet, einen Konflikt mit der Mutter zu riskieren. Das aber wollte Hölderlin offenbar nicht.

Der Rückzug ‚in sich selbst‘

Geradezu schicksalhaft – allerdings aus anderen als finanziellen Gründen – wird für Hölderlin die Hofmeisterstelle, die er im Januar 1796 im Haus des Frankfurter Bankiers Jacob Friedrich Gontard antritt. Er wird als Lehrer von Gontards Sohn Henry angestellt, geht allerdings bald mit dessen Mutter Susette eine leidenschaftliche Liebesbeziehung ein, die auch nach seinem Weggang infolge eines Eklats mit dem Hausherrn über mehrere Jahre andauert. Im Leben findet Hölderlin mit Susette Gontard kein Glück; in der Literatur jedoch wird ihm diese Frau zur Inspiration: Nach ihr ist Diotima, die Geliebte des Helden in seinem Roman ‚Hyperion‘, gezeichnet.

Als Dichter entfaltet Hölderlin eine hohe Produktivität. Sein enger Freund Isaak von Sinclair, Aristokrat, höfischer Beamter, zeitweise auch radikaler Jakobiner, dürfte einer der ersten gewesen sein, der Hölderlins Genie erkannte. Sinclair wird Hölderlin bis zu dessen Zusammenbruch im literarischen Schaffen ermutigen und nach Kräften finanziell unterstützen. Auch Friedrich Schiller erkennt schnell Hölderlins literarisches Potential und fördert ihn. Trotz solcher Unterstützung aber wird Hölderlin nie das gelingen, was man einen ‚Durchbruch‘ nennen könnte. Zeitlebens wird er, so Safranski, ein ‚Geheimtipp‘ bleiben. Besonders in den Kreisen der Romantiker wird er als solcher gehandelt: Bei den Schlegel-Brüdern, auch bei Ludwig Tieck, Achim von Arnim und Clemens Brentano erfreut sich vor allem seine Lyrik allerhöchster Wertschätzung.

Original Manuskript Hölderlins von Der Tod des Empedokles (wikimedia commons).

Es ließe sich trefflich darüber spekulieren, was gewesen wäre, hätte Hölderlin nicht 1806 – in der Mitte seines Lebens – einen irreversiblen psychischen Zusammenbruch erlitten, in dessen Folge er zunächst nach Tübingen ins Autenriethsche Klinikum eingewiesen und schließlich im Haushalt des Tischlermeisters Zimmer – für den der ‚Hyperion‘ eine prägende Lektüre gewesen war – aufgenommen wurde, wo er bis zu seinem Tod am 7. Juni 1843 im nachmals berühmten Turmzimmer über dem Neckar lebte. Was hätte er noch geschrieben, was noch veröffentlicht? Welche Wandlungen hätte sein Stil durchlaufen? Hätte er bei ein größeres Publikum für sich gewinnen können? Niemand kann es wissen. Hölderlin ‚verschwand‘ nach 1806, so formuliert es Rüdiger Safranski treffend, ‚in sich selbst‘. Zwar verstummte er nicht, im Gegenteil, er konnte phasenweise ziemlich viel und auch gern schreiben. Jedoch hatte er die souveräne Beherrschung der Sprache im ästhetischen Sinne, auch den Willen, kontinuierlich und zielgerichtet an einer Dichtung, einem Œuvre zu arbeiten, so gut wie verloren.

Rückgewinnung des Göttlichen

Was aber bleibt, ist das Werk, das der Dichter Hölderlin stiftete. In seiner Zeit als produktiver Autor konnte er es nur zum Teil veröffentlichen. Ab den 1820er Jahren wurde es nach und nach neu entdeckt, freigelegt und publiziert. Im ausgehenden 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dann erfolgte seine begeisterte Rezeption – wichtige Namen in diesem Zusammenhang sind neben anderen Friedrich Nietzsche, Stefan George, Martin Heidegger – und letztlich auch Kanonisierung. Heute hingegen scheinen die Dinge ähnlich zu liegen wie zu Hölderlins Leb- und Schaffenszeiten: Mögen seine Texte auch zum Kanon der deutschen Literatur gehören – gelesen werden sie außerhalb der kleinen Kreise von Kennern und Enthusiasten kaum. Es ist das große Verdienst Rüdiger Safranskis, dass er mit seiner Biographie nicht nur das Leben Hölderlins beschreibt, sondern den Blick auch auf die von diesem geschaffenen Dichtungen richtet, auf den Briefroman ‚Hyperion‘, das Dramenfragment ‚Empedokles‘, die großen, staunenswerten Hymnen, Oden, Elegien. Safranski bietet behutsame und kontextgebundene Deutungsansätze, die Möglichkeiten aufzeigen, sich einen Weg zu Hölderlins Dichtungen zu bahnen und dabei auch etwas von deren Einzigartigkeit zu erahnen.

So verweist er unter anderem auf den ganz eigentümlichen Umgang Hölderlins mit antiken Stoffen, Motiven und Formen. An sich war die Rezeption der Antike, zumal der griechischen, im 18. Jahrhundert nichts Besonderes. Im Gegenteil, spätestens seit Winckelmann waren das griechische Altertum und seine Götterwelt Mode. Allerdings nahm man diese Dinge ausschließlich als ästhetische, nicht aber als religiöse Phänomene wahr. Niemand wäre auf die Idee gekommen die antiken Götter im religiösen Sinne ernst zu nehmen. Bei Hölderlin jedoch verhielt es sich anders. Wie Safranski zeigt, entdeckte Hölderlin die griechische Antike für sich nicht nur als Bildungsgut oder großes Reservoir literarischer Stoffe, sondern als ‚mythisch-religiöse Geistesart‘ die ‚existentielle Bedeutung‘ für ihn erlangte. Hölderlin ging es tatsächlich um eine Revitalisierung des Mythos, um die Rückgewinnung des Göttlichen, wie die griechische Antike es verstand. Aus dieser ‚Gei­stesart‘ leitete Hölderlin auch sein eingangs erwähntes Selbstverständnis als Dichter ab. Nicht zuletzt hieraus mag die Fremdheit Hölderlins heute resultieren, ist doch das, worin dieser lebte und webte, uns kaum mehr als Bildungsgut verfügbar.

Schließlich ist es Rüdiger Safranski zu danken, dass er aus Hölderlins Briefen reichlich zitiert und damit den Dichter auch in der nicht-literarischen Form (soweit man den Brief als eine solche betrachten kann) zum Sprechen bringt. So begegnet uns Hölderlin als Philosoph, Denker poetologischer Konzepte, Kommentator politischer Entwicklungen, als Sohn, Bruder, Liebender, als Student, als Freund unter Freunden und auch als leidenschaftlicher Wanderer, der seine Reisen (auch die von Nürtingen nach Bordeaux, im Winter, gefahrvoll über die verschneiten Berge der Auvergne) oftmals zu Fuß unternimmt.

Es ist zu wünschen, dass es Rüdiger Safranskis Biographie gelingt, Friedrich Hölderlin wieder in unseren Horizont zu rücken – oder besser: unseren Horizont so zu erweitern, dass wir von neuem imstande sind, ihn wahrzunehmen. Das Potential dazu hat sie allemal.

Rüdiger Safranski: Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund! Biographie, München (Carl Hanser Verlag) 2019

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