Dem Leben dienen – Autobiographisches von Jean Gebser

Die Philosophie Jean Gebsers wird häufig einseitig als Ordnungsschema oder System verstanden; von seinen reichen und tiefen Gedanken bleibt dann nur noch ein dürres Raster aus fünf „Strukturen“ des menschlichen Bewusstseins, die allerlei Einordnungen erlauben. Es mag sein, dass auch meine eigene Darstellung sich nicht ganz frei von diesem Missverständnis halten konnte. Gebser sah diese Gefahr und schrieb deshalb in einem seiner Aufsätze, er habe es „sich zur Aufgabe gemacht, dem Leben durch Konkretion des Gedachten und Erforschten zu dienen, statt das Leben durch Abstraktionen zu schwächen.“

Diese „lebensphilosophische“ Ausrichtung von Gebsers Denken und Schreiben kommt nun in einem neu erschienenen Band der Jean-Gebser-Reihe im Chronos-Verlag besonders deutlich zur Geltung. Der Band trägt den Titel „Ein Mensch zu sein“. Es wird darin ersichtlich, dass Gebser kein lebensferner Denker im Elfenbeinturm war, kein kopflastiger Intellektueller, sondern zunächst vor allem Dichter. Die frühesten Zeugnisse seines Schreibens finden sich in dem neuen Band; es sind neben Gedichten vor allem Aphorismen sowie die Erzählung „Die Lawine“ von 1928. Elmar Schübl, der im Chronos-Verlag eine lesenswerte Biographie über Gebser vorgelegt hat, schreibt in seinem Vorwort, dass diese Dokumente zu Gebsers „schöpferischen Anfängen zurückführen“. Da „Ein Mensch zu sein“ stark persönlich gefärbte Schriften enthält, sind die im Buch abgedruckten zahlreichen Fotografien aus allen Lebensphasen Gebsers sehr willkommen. Auf das Vorwort von Schübl folgen Rudolf Hämmerlis Erinnerungen an Jean Gebser. Hämmerli, damals noch ein junger Student, hatte Gebser in dessen letzten Lebensjahren kennengelernt. Diese Erinnerungen sind erfreulich nüchtern und skeptisch gehalten und gerade deshalb sehr aufschlussreich.

Nach den einführenden Texten der Herausgeber sind, in drei Teile gegliedert, die Schriften Gebsers abgedruckt. Der erste Teil des Bandes umfasst die autobiografische Erzählung „Die schlafenden Jahre“, in der Gebser über seine Kindheit und Jugend berichtet. Allein die Passage über das Schwimmenlernen lohnt die Lektüre. Gebser merkt dazu an, dass er „damals die Furcht vor dem Ungewissen verlor“ – was angesichts seines abenteuerlichen Lebens, das zahlreiche Sprünge ins Ungewisse enthielt, durchaus plausibel klingt. Einzelne Passagen aus „Die schlafenden Jahre“ hat Gebser auch für Radiovorträge verwendet. So findet sich beispielsweise die Passage über das Schwimmenlernen auch in dem Radiovortrag „Vom Wert der Hindernisse“.

Jean Gebser, Ein Mensch zu sein. Erschienen bei Chronos.

In der Erzählung „Die Lawine“ aus dem Jahr 1928, geschrieben vom 22-Jährigen, verarbeitet Gebser eine schwierige Zeit seines Lebens, in der er dem Selbstmord nahe war. Sie zeigt an einigen Stellen Gebsers sprachliches Talent und wirkt erstaunlich reif, vermag aber nicht restlos zu überzeugen.

Der zweite Teil von „Ein Mensch zu sein“ ist den Notizen und Aphorismen Gebsers gewidmet. Die Gedanken und ihre Formulierung sind von sehr unterschiedlicher Qualität – neben wirklich gelungenen, geradezu leuchtenden Sätzen findet sich auch manche Banalität oder sehr Zeitgebundenes. Die Sammlung lädt zum Blättern und Hin- und Herspringen ein – eine Art des Lesens und Denkens, die Gebser sicher befürwortet hätte, da sie vom linearen Nacheinander wegführt. Die Linearität betrachtete Gebser als Kennzeichen einer zu überwindenden Bewusstseinsstruktur. Die Sammlung der Notizen und Aphorismen Gebsers, die sich im siebten Band der älteren Gesamtausgabe befindet, wurde für die Neuerscheinung um einige Einträge aus Gebsers Nachlass ergänzt und an einigen Stellen gekürzt. Die neu hinzugekommenen Notizen sind biografisch und zeitgeschichtlich hochinteressant, unter ihnen finden sich die Pläne des jungen Gebser für sein Leben und der Bericht von einer Begegnung mit der Dichterin Else Lasker-Schüler in Zürich im Dezember 1938.

Der dritte Teil von „Ein Mensch zu sein“ schließlich enthält eine Auswahl der Gedichte Gebsers. Hier stehen natürlich die großen Sinngedichte, „Das Wintergedicht“, „Das Ariadnegedichte“ und „Das Totengedicht“, im Zentrum. Wer mit Gebsers Dichtung unvertraut ist, dem sei besonders die Lektüre dieser längeren Gedichte empfohlen, die in ihrer Verbindung von dichterischer Sinnlichkeit und philosophischer Tiefe an T. S. Eliots „Four Quartets“ erinnern. (Dies ist sicherlich kein Zufall, denn Gebser kannte und schätzte das Werk Eliots.) Die Gedichte spannen einen weiten Bogen von den Versen des Jugendlichen bis zu einem Gedicht, das kurz vor Gebsers Tod entstand. Es scheint, dass die intensive Beschäftigung mit Sprache und Dichtung die Konstante, der rote Faden in Gebsers Leben war. Auch sein philosophisches Vermächtnis „Ursprung und Gegenwart“ ist ja von dieser Beschäftigung ganz wesentlich geprägt.

Wer die Gebser-Gesamtausgabe besitzt, wird in dem neu erschienenen Band nicht allzu viel Neues finden; es ist fraglich, ob sich wegen einiger zusätzlicher Notizen, wegen der Erzählung „Die Lawine“ und einiger bisher unveröffentlichter Traumberichte die Neuanschaffung des relativ teuren Bandes lohnt. Wer aber bisher noch nicht vertraut ist mit Gebsers Werk, oder wer nur „Ursprung und Gegenwart“ kennt, der findet in „Ein Mensch zu sein“ eine lohnende Lektüre. Es ist schön und wichtig, dass der Chronos-Verlag und die Herausgeber Hämmerli und Schübl mit der Jean-Gebser-Reihe das Werk des Kulturphilosophen und Dichters im Buchhandel präsent halten und neuen Lesern erschließen, nachdem die Gesamtausgabe schon seit einigen Jahren vergriffen ist.

Jean Gebser: Ein Mensch zu sein. Autobiografische Texte, Notizen und Gedichte. (Band 4 der Jean-Gebser-Reihe, hrsg. von Rudolf Hämmerli und Elmar Schübl.) Zürich: Chronos 2020. 360 Seiten.

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