Die Kardinaltugenden (I): Klugheit  

„Der Mensch kann nur dann richtig sein, wenn er sich den Blick für die Wirklichkeit nicht trüben läßt durch das Ja oder Nein des Willens; er macht, umgekehrt, sein Beschließen und Tun abhängig von der ihm zu Gesicht kommenden Realität. Er ist dadurch klug, daß er gewillt ist, die Wahrheit zu tun.“  Josef Pieper

Gemäß der Tradition abendländischen Denkens nimmt die Klugheit den ersten Rang in der Hierarchie der vier Kardinaltugenden ein. Sie ist die erste der Tugenden, weil sie die Quelle der drei übrigen Haupttugenden ist. Ohne klug zu sein, kann der Mensch nicht gerecht, tapfer und maßvoll sein. Denn ohne die Tugend der Klugheit fehlt dem Menschen das Licht, um die Wahrheit zu sehen und zu tun.

Wer klug ist, blickt nicht nur wachen Auges auf die Wahrheit, sondern auch auf deren Verwirklichung im Tun. Eine erste Fehlhaltung, die der Klugheit entgegensteht, ist das Handeln ohne Erkenntnis der Wahrheit, das im wahrsten Sinne des Wortes „rücksichtslose“ Handeln, das im Zugehen auf die Welt sozusagen die Lichtquelle im Rücken ignoriert. Die zweite der Klugheit entgegengesetzte Fehlhaltung bleibt hingegen beim Blick auf die Wahrheit stehen, ohne deren Verwirklichung im Tun anzustreben. Das „Doppelgesicht“ der Klugheit, das sich zugleich auf die Wahrheit und auf deren Verwirklichung richtet, vermeidet diese Fehlhaltungen. Denn „Klugheit besagt die Umformung wahrer Erkenntnisse in wirklichkeitsgerechte Entscheidungen“ (Josef Pieper).

Leider stellt sich diesem Verständnis der Klugheit im zeitgenössischen Denken mehr als ein Hindernis entgegen. Vielzitiert ist Max Webers Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Diese Unterscheidung reißt gewaltsam auseinander, was in der Klugheit zusammengehört: Eine „Gesinnung“, die sich nicht im Tun auswirkt, ist ebenso wertlos wie ein Tun, das nicht auf der „richtigen Gesinnung“, also auf der Erkenntnis der Wahrheit beruht. Die „Verantwortungsethik“ tritt zwar für den Erfolg der Handlung ein, kann aber den Beigeschmack des gewissenlosen Taktierens bekommen, wenn ihr das Richtmaß der Wahrheit fehlt. Die „Gesinnungsethik“ hingegen kann sich in fruchtloser Kontemplation des (vermeintlich) Wahren und Richtigen erschöpfen. Beides sind (gemäß der traditionellen Lehre von der Klugheit) Fehlhaltungen, Verfehlungen dessen, was Klugheit im Vollsinn bedeutet.

Bedauerlicherweise hat das Wort „Klugheit“ heute fast ausschließlich die Bedeutung der Verschlagenheit. Als „klug“ wird der gewiefte Taktiker bezeichnet, dem zur Verwirklichung seiner Ziele fast jedes Mittel recht ist. Es ist deshalb überraschend, dass die Tradition die Verschlagenheit der Klugheit gerade entgegensetzt. Der Kluge vermeidet nicht nur falsche Ziele, sondern auch falsche Wege zum Ziel. Dass der Zweck die Mittel heilige, durchschaut er als gefährlichen Irrtum.

Ein Handeln, das die Chancen auf Erfolg optimiert, bedarf der genauen Erkenntnis der Umstände, unter denen gehandelt wird – dies leuchtet unmittelbar ein und auch der Verschlagene wird dem zustimmen. Kein fähiger General zieht in die Schlacht, ohne sich vorher über das Gelände und über das gegnerische Heer informiert zu haben. Doch ist mit der Erkenntnis der Wahrheit mehr gemeint als eine Erkenntnis der Umstände einer Handlung. Es ist gemeint, dass der Mensch, um klug zu handeln, das Wesen der Dinge erkennen und es zu seinem Richtmaß machen muss. Gut – und damit tugendhaft – ist nämlich ein Handeln, das der Wahrheit der Dinge entspricht.

Auch hier treten wieder nahezu unüberwindliche Hindernisse für das moderne Verständnis auf. Der moderne Mensch wird vielleicht entgegnen, dass die Wahrheit doch ohnehin direkt vor Augen liege; er wird die Wahrheit also auf das mit den Sinnen Wahrnehmbare reduzieren und die Möglichkeit oder Notwendigkeit einer Wesenserkenntnis leugnen. Oder er wird entgegnen, dass die Wahrheit ohnehin völlig unerkennbar sei; er wird also behaupten, dass der Wille und die Interessen des Menschen seine Erkenntnis derart verzerren, dass er immer nur das je Eigene vor sich sieht.

Es ist wahr, dass die Selbstsucht der Klugheit entgegen steht, weil Selbstsucht den selbstlosen, von Berechnung freien Blick auf die Wahrheit der Dinge unmöglich macht. Und wer nicht von sich selbst absehen kann, ist zu echter Sachlichkeit unfähig. Es gilt mit Romano Guardini: „Sehen, was ist, ist eine große Gnade“ – das heißt aber nicht, dass es unmöglich wäre. Die Klugheit überwindet Selbsttäuschung und Ideologie und ermöglicht – über die genaue Erkenntnis dessen, was dem Handelnden vor Augen liegt, hinaus – die Erkenntnis des Wesens der Dinge.

Die nahezu unendliche Vielgestaltigkeit des Wirklichen macht es unmöglich, das Handeln aus einfachen Prinzipien abzuleiten. Auch wenn die Ziele klar und allgemein sein mögen, gibt es viele Wege, die zu ihnen führen. Hier liegt die Grenze aller abstrakten Moral: Was in einer konkreten Situation zu tun ist, lässt sich nicht konstruieren oder vorhersagen, sondern es ergibt sich letztlich nur aus der Klugheit des hier und jetzt Handelnden. Aus diesem Grund ist ein Wissen um allgemeine Prinzipien der Moral niemals ausreichend, um klug zu handeln. Die Tugend der Klugheit setzt vielmehr die Mündigkeit des Einzelnen voraus, weil nur er in der konkreten Situation die geforderte Entscheidung treffen und die damit verbundene Verantwortung auf sich nehmen kann – was allerdings selbstverständlich auch eine Belehrbarkeit durch Freunde, Autoritäten und Institutionen einschließen sollte. Weil sich der Beschluss der Klugheit auf das Zukünftige richtet, gibt es keine absolute Gewissheit, dass man hier und jetzt richtig entscheidet. Je höher der Einzelne die Tugend der Klugheit entwickelt hat, desto sicherer und erfolgreicher wird sein Handeln und desto mehr nimmt er sich das Wesen der Dinge zum Richtmaß. Dennoch bleibt jeder Entschluss ein Wagnis.

Durch seine sittlichen Taten formt der Mensch nicht nur die äußere Wirklichkeit, er formt und verwirklicht vor allem auch sich selbst. Je mehr seine Beschlüsse und Handlungen durch die Tugend der Klugheit bestimmt sind, desto mehr formt er sich nach dem Bild, das sein Wesen ist, nach dem, was ursprünglich mit ihm gemeint ist. Die Tugend der Klugheit führt den Menschen somit in die Verwirklichung seiner Möglichkeiten, dessen, was in ihm angelegt ist und entfaltet werden muss. Zu diesen Möglichkeiten gehören neben der Klugheit die sich aus ihr ergebenden Tugenden der Gerechtigkeit, der Tapferkeit und des Maßes.