›Das Universum wird überschätzt‹ — Aphorismen von Arne Kolb (II)

Im Mai legte Arne Kolb eine erste Auswahl von Sentenzen vor, auf die zum Juli-Ende hin das so geschliffene wie erwartbare Bekenntnis zu jener denkerischen Traditionslinie folgte, die nicht bloß vornehmlich, sondern bisher wohl nahezu ausschließlich mit dem Werk und Namen von Nicolás Gómez Dávila verbunden ist. Der September nun beschert uns weitere – und nicht die letzten – Aphorismen aus Kolbs eigener Feder, untermischt mit sieben Bildern des frühen Leinwandhelden Thomas Cole.

The Mill (1844)

Griechen und Römer gehören nicht zum Abendland, denn das Abendland sind die Völkerschaften, die auf Griechen und Römer zurückblicken.

Die historische Aufgabe des Imperium Romanum war es, durch seine Beherrschung aller Völker des bekannten Erdkreises jenes Milieu zu erzeugen, in dem überhaupt eine vom Staat unabhängige Religionsgemeinschaft gedacht werden konnte.

In allen Kulten opfern die Menschen den Göttern, allein im Christentum opfert sich Gott den Menschen.

Dem Ungläubigen scheint ein Gott grausam, der seine Anhänger mit glühenden Geißeln von Scham und Angst zur Wahrheit treibt. Er aber leidet, ohne sie zu finden.

Eine heilige Schrift ist widerlegt, wenn sie keine Widersprüche beinhaltet.

Ein Autor verwickelt sich in Widersprüche, wenn er versucht, mit jedem Begriff immer dieselbe Sache zu meinen.

Da sie in ihrer Jugend das destruktive Potential der Ästhetik erlebt hatten, blieben die Autoren des geteilten Deutschlands vorsorglich der Ästhetik überhaupt fern.

Bei Gedanken, die sich nicht empirisch nachprüfen lassen, haben wir nur ein Kriterium der Wahrheit: Den Grad an Schönheit, mit dem sie sich ausdrücken lassen.

An der Existenz Gottes lässt sich vielleicht zweifeln; aber an der Existenz der Schönheit?
Der Ästhetizismus ist die letzte Bastion des Denkens.

Study for ‘The Cross and the World’ (1846)

Das Individuum ist die Prothese der Persönlichkeit.

So wie das Individuum eine Person ohne Eigenschaften, ist die Gesellschaft ein Volk ohne Eigenschaften.

Da man sich die Freiheit nehmen muss, ist sie nur dem bindungslosen Individuum vollkommen entzogen.

Der Nationalismus pfropft den Dummheiten des Kollektivismus noch die des Individualismus auf.

Der Rechte ist nur erträglich, wenn er gebildet ist – der Linke nur, wenn er es nicht ist.

Dem Nationalismus werden die unzähligen Menschen vorgeworfen, die auf seinem Altar geopfert wurden – allein nach dem Tod Gottes suchten die Menschen gerade einen solchen Altar.

Konzentrationslager werden betrieben in Ländern, die den Glauben an die Hölle verloren haben.

Die Geburtenrate ist nirgends niedriger, als wo die religiöse Sexualmoral für weltverneinend gehalten wird.

Nicht, dass die offene Gesellschaft eine schlechte Idee wäre. Nur vielleicht keine besonders langlebige.

Moonlight (1834)

Christ ist nicht, wer glaubt die Erlösung sei im Jenseits gewiss; sondern wer weiß, dass sie im Diesseits ausgeschlossen ist.

Besitz und Erfolg haben den hauptsächlichen Nutzen, das Ungenügen jeder Immanenz zu beweisen.

Die Einsicht, dass die Realität nie hält was die Phantasie verspricht, stürzt den Menschen entweder in tiefste Verzweiflung oder überzeugt ihn von der Abkunft aus einer anderen Sphäre.

Dem Systematiker ist unerträglich, dass es Wahrheiten gibt, die nur auf klaren Gipfeln, an kristallenen Meeren und im Abendrot gültig sind.

Es entscheidet sich im Inneren des Einzelnen, ob er, bei ein und demselben Lebensvollzug, als Trockennasenprimate über die Erde stapft oder ein metaphysisches Abenteuer erlebt.

Ein konsequenter Positivist müsste sagen: Es gibt keine Menschen, sondern nur Fleisch.

In einer sinnlosen Welt hätte es keinen Sinn, die Sinnlosigkeit zu beklagen. Der Nihilist hat Recht, solange er sein Maul hält.

Das Werk jedes Nihilisten zerfällt in zwei Teile: Den Satz, womit er Moral, Freiheit oder Glauben abtut – und die hunderten von Seiten, auf denen er zu erklären sucht, weshalb die Menschen dennoch lieben, nachdenken und beten.

Gesetzt der Nihilismus hätte recht, so folgte daraus per definitionem gar nichts.

The Angel Appearing to the Shepherds (1833)

Das Leben des modernen Menschen ist gewöhnlich zu langweilig, als dass wir Gott vorwerfen dürften nicht darin zu erscheinen.

Der Stumpfsinnige verlangt von Gott die Durchbrechung der Naturgesetze, wo doch allenfalls ihre Dauer für ihn bürgt.

Die Menschenrechte ließen sich hören, wäre nicht die unerträglich dumme Begründung, dass sie dem Menschen von Natur aus zukämen. Von Natur aus kommen dem Menschen zwei Augen und ein Darm zu.

Die moderne Ethik ist der Krampf, der daraus folgt, einem bedingten Wesen unbedingten Wert zuzuschreiben, ohne Unbedingtes heranzuziehen.

Der Utilitarismus ist keine Ethik; sondern eine unlösbare Rechenaufgabe.

Wenn der Mensch keinen freien Willen hätte, dürften wir den Verbrecher nicht bestrafen? Aber wir könnten doch nicht anders…

Das Individuum verteidigt stolz jene Freiheitswerte gegen die Gesellschaft, die sie ihm selbst anerzogen hat.

Wer sich auf die Meinungsfreiheit beruft, gesteht ein, dass seine Sache an sich keinen rechten Wert haben kann.

Die Glaubensfreiheit findet keinen entschiedeneren Vertreter als den Religionsverächter.

The Architect’s Dream (1840)

Ob Architektur, Demographie oder Hierarchie: Nur die Pyramide überdauert Jahrtausende.

Wir könnten wohl einen Aufstand gegen die Moderne anzetteln – wenn wir nicht wüssten, dass der Kampf für oder wider Abstrakta genuin modern ist.

Kein Krieger stirbt sinnlos – außer er kämpft für eine Idee.

Wer Personen hasst, endet höchstens als Attentäter. Nur wer Ideen hasst, ist zum Massenmord fähig.

Einige Ideen sind so oberflächlich, dass sie noch nicht einmal falsch sind.

Unsere Erfahrungen seien winzige Sandkörnchen, die das Räderwerk abstrakter Ideen lahmlegen.

Der antike Mensch lebte in einem Kosmos, der Moderne bloß in einem Universum.

Ein Atheist ist ungläubig, wenn er glaubt der Mensch existiere unabhängig vom Absoluten; ein Theist ist ungläubig, wenn er glaubt das Absolute existiere unabhängig vom Menschen.

Das Universum wird überschätzt.

Cross at Sunset (1848)

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