Das autonome Individuum als Angelpunkt des Abendlandes

Wenn auch die zehn Pfeiler für unser anbruch-Luftschloss allesamt bereits im Frühjahr befestigt wurden, so laden doch einige von ihnen weiterhin zu gründlicherer Verankerung in Essayform ein. Nach Andreas König, der einen zwar nüchternen, nicht aber hoffnungslosen Blick auf die späteuropäische Entzündlichkeit warf, setzt nun Markus Schürer die Vertiefungsarbeit mit einer ideengeschichtlichen Meditation zum autonomen Individuum als Dreh- und Angelpunkt des Abendlandes fort.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern’,
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.

Friedrich Hölderlin, Lebenslauf (Zweite Fassung).

Wo beginnt man, will man den Versuch wagen, sich der Idee des autonomen Individuums anzunähern? Diese Idee umfasst bestimmte Vorstellungen davon, was der Mensch ist und kann. Sie gehört zu den Schlüsselbegriffen des Denkens im neuzeitlichen Europa. Ideen oder Begriffe dieses Kalibers sind nicht leicht zu fassen. Zwar werden sie notorisch gebraucht, selten jedoch im Wissen darum, wovon eigentlich die Rede ist. Was hat es also auf sich mit dem – um die Sache wörtlich zu nehmen – ‚selbstbestimmten Ungeteilten‘? Und inwiefern kann der Mensch ein solches selbstbestimmtes Ungeteiltes sein?

Um diesen Fragen nachzugehen, wenden wir unseren Blick – im Wissen darum, dass man mit guten Gründen ebenso an anderen historischen Punkten ansetzen könnte – auf die europäische Renaissance. Das bietet sich insofern an, als während dieser Zeit jene Ideen Konjunktur gewannen, die bestimmend für das neuzeitlich-europäische Menschenbild werden sollten. Man kann, zulässige historische Vergröberungen in Kauf nehmend, sagen, dass sich während des Übergangs vom Mittelalter zur Renaissance in Lateineuropa so etwas wie eine anthropologische Wende vollzog. Der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Diskurse verlagerte sich weg vom theozentrischen und hin zu einem anthropozentrischen Denken. Im Mittelpunkt der intellektuellen Debatten stand nicht mehr vorrangig Gott, sondern mehr und mehr auch der Mensch mit seinen Eigenschaften und Existenzbedingungen. Wenn in der Renaissance-Forschung dargestellt wird, welche Protagonisten maßgeblich an dieser Entwicklung beteiligt waren, so fallen Namen wie Francesco Petrarca, Giannozzo Manetti oder Marsilio Ficino. Vor allem aber wird stets einer genannt: Giovanni Pico della Mirandola.

Giovanni Pico (1463-1494), Spross einer Grafenfamilie, die über Mirandola und Concordia, ein kleines Territorium nördlich von Modena, herrschte, verdankt seinen bis heute wirkenden Ruhm als anthropologischer Denker einem relativ kurzen Text, den er um die Jahreswende 1486 / 1487 verfasste und der 1496 in Bologna erstmals gedruckt wurde. Ursprünglich lediglich als ‚Oratio‘ – ‚Rede‘ – betitelt, wurde er bald nach dem Tod seines Autors als ‚Oratio de hominis dignitate‘ – ‚Rede über die Würde des Menschen‘ – tradiert. Lediglich in seinen Eingangspassagen thematisiert dieser Text Fragen nach dem Wesen des Menschen, seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten, seiner Position in der Welt und seinem Verhältnis zum Schöpfer. Allerdings tut er es auf eine Weise, die Pico in der Renaissance-Historiographie von Jacob Burckhardt bis Paul Oskar Kristeller das Attribut der Erstrangigkeit sicherte.

Werfen wir ausschnittweise einen Blick auf die ‚Oratio‘ (ich zitiere Gerd von der Gönnas deutsche Übersetzung des lateinischen Originals): Kernstück von Giovanni Picos Ausführungen ist eine Schöpfungsgeschichte, die er im Rückgriff auf die antike Tradition des Hermes Trismegistos erzählt. Nachdem die Erschaffung der Welt so gut wie vollendet war, wünschte Gott, „es sollte jemanden geben, der imstande wäre, die Einrichtung des großen Werkes zu beurteilen, seine Schönheit zu lieben, seine Größe zu bewundern. Deswegen dachte er […] zuletzt daran, den Menschen zu erschaffen. Doch es gab unter den Urbildern keines, wonach er den neuen Sprößling hätte formen können, auch fand sich in den Schatzkammern nichts, das er dem neuen Sohn als Erbgut hätte schenken können, und nirgends auf der ganzen Welt gab es noch einen Platz, auf dem dieser Betrachter des Universums sitzen konnte. Schon voll besetzt war alles und alles an die obersten, die mittleren und untersten Rangordnungen verteilt.“

Deshalb entschied Gott, „daß der, dem gar nichts Eigenes gegeben werden konnte, zugleich an allem Anteil habe, was jedem einzelnen Geschöpf nur für sich selbst zuteil geworden war. Also nahm er den Menschen hin als Schöpfung eines Gebildes ohne besondere Eigenart, stellte ihn in den Mittelpunkt der Welt und redete ihn so an: ‚Keinen bestimmten Platz habe ich dir zugewiesen, auch keine bestimmte äußere Erscheinung und auch nicht irgendeine besondere Gabe habe ich dir verliehen, Adam, damit du den Platz, das Aussehen und alle die Gaben, die du dir selber wünschst, nach deinem eigenen Willen und Entschluß erhalten und besitzen kannst. Die fest umrissene Natur der übrigen Geschöpfe entfaltet sich nur innerhalb der von mir vorgeschriebenen Gesetze. Du wirst von allen Einschränkungen frei nach deinem eigenen freien Willen, dem ich Dich überlassen habe, dir selbst deine Natur bestimmen. In die Mitte der Welt habe ich Dich gestellt, damit du von da aus bequemer alles ringsum betrachten kannst, was es auf der Welt gibt. Weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen habe ich dich geschaffen und weder sterblich noch unsterblich dich gemacht, damit du wie ein Former und Bildner deiner selbst nach eigenem Belieben und aus eigener Macht zu der Gestalt dich ausbilden kannst, die du bevorzugst. Du kannst nach unten hin ins Tierische entarten, du kannst aus eigenem Willen wiedergeboren werden nach oben in das Göttliche.‘ “

Wir finden in diesem kurzen, hochverdichteten Passus mehrere Ideen oder Denkfiguren: Zunächst erscheint der Mensch – im Gegensatz zu den übrigen Lebewesen, den Tieren oder Pflanzen, die einem bestimmten Lebensraum zugeordnet sind und besondere, auf diesen Lebensraum abgestimmte Merkmale oder Fähigkeiten haben – als Geschöpf ohne besondere Eigenschaften und ohne einen eigenen Ort in der Welt. Man denkt, indem man dies liest, unwillkürlich an die Idee des Menschen als ‚Mängelwesen‘, wie sie Arnold Gehlen in seinem 1940 erstmals erschienenen Opus magnum ‚Der Mensch‘ entwickelte. Es ist dies eine nicht ganz unpassende Assoziation, wobei zu bedenken bleibt, dass sich der Ursprung jener Idee weit zurückverfolgen lässt, nicht nur bis zu Johann Gottfried Herders ‚Abhandlung über den Ursprung der Sprache‘, sondern bis zur Philosophie der griechischen und römischen Antike, unter anderem zu Lukrez oder Plinius dem Älteren. Von hier wird Giovanni Pico diese Idee gekannt haben, und vielleicht ist auch der zitierte Passus seiner Rede von ihr inspiriert.

Der Gott, den Pico in seiner Schöpfungserzählung sprechen lässt, wendet dieses vermeintliche Defizit ins Positive: Das Nicht-Festgelegt-Sein des Menschen, sei es auf ein bestimmtes Habitat oder eine bestimmte Lebensweise, das Fehlen von Eigenschaften, die ihm das Leben in der Natur erleichtern (ein wärmendes Fell, ein schützender Panzer, Krallen, Instinkte), bedeuten weder Mangel noch Gefährdung – vielmehr ergeben sich hieraus die vielen Optionen der menschlichen Existenz, letztlich die Potenz zur Schaffung von Kultur. Der Mensch hat alle Möglichkeiten. Er wird in eine privilegierte Position gebracht und ist doch an keinen Ort gebunden: Gott stellt ihn in die Mitte der Welt, damit er sich bequem einen Überblick verschaffen möge, und zugleich wird ihm die Freiheit eingeräumt, sich seinen Platz in der Welt und überdies seine Gestalt und seine Bestimmung nach seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen zu wählen. Dabei erscheint er als „Betrachter des Alls“ („universi contemplator“), an anderen Stellen der Rede auch als „Deuter und Erklärer der Natur“ („naturae interpres“) oder „Vermittler zwischen den Geschöpfen“ („creaturarum internuntius“). Der Mensch ist demnach imstande, die Geheimnisse der Natur zu erforschen und letztere zum Objekt seines Gestaltungswillens zu machen.

Gegen Ende der zitierten Passage finden sich Schlüsselworte, die in der Geschichtsschreibung zur Kultur und Philosophie der Renaissance einen geradezu klassischen Status haben und regelmäßig zitiert werden, wenn es um Begriff und Idee des Individuums an der Schwelle zur Neuzeit geht: Der Mensch wird von Gott als – um das lateinische Original zu zitieren – „tui ipsius […] plastes et fictor“ angesprochen. Sinngemäß übersetzt bedeutet dies: Dem Menschen ist die Fähigkeit gegeben, der Bildner und Erfinder seiner selbst zu sein. Der Mensch kann nach eigenem Willen und in souveräner Entscheidung sein Wesen ausbilden, seine Lebensform wählen, seine Existenz gestalten. An anderer Stelle seiner Rede verdeutlicht Pico diese Idee, indem er vom Menschen als „Chamäleon“ oder „Proteus“ spricht. So wie das Chamäleon seine Farbe wandeln kann und der Meeresgott Proteus seine Gestalt, so sind die Menschen imstande, ihre Eigenart jeweils auf ganz unterschiedliche Art und Weise auszuprägen.

Schließlich folgt ein Verweis auf die Chancen und Fährnisse, die dem Menschen aus seiner Autonomie erwachsen, womit letztlich auch ein Fingerzeig auf das ethische Reglement gegeben wird, unter dem jener steht: Er kann degenerieren in Richtung des Vernunftlos-Tierischen oder aber sich zum Göttlichen hin läutern. An späterer Stelle der ‚Oratio‘ wird diese Optionalität zum Guten oder Bösen hin in einen moralischen Imperativ gewandelt. Der Mensch darf sich durch seinen freien Willen nicht schaden oder schuldig werden; vielmehr muss er ihn zu seinem Heil gebrauchen.

Giovanni Picos anthropologischer Entwurf ist zweifellos auf einen hohen Ton gestimmt. Er ist konzipiert unter den Vorzeichen der, wie es in der ‚Oratio‘ auch heißt, „humanae naturae praestantia“, der „Vortrefflichkeit der menschlichen Natur“ und geht davon aus, dass der Mensch das „felicissimum animal“, das „glücklichste Lebewesen“ darstellt. Wobei festzuhalten bleibt, dass Pico zwar optimistisch vom Menschen denkt, jedoch keineswegs jemand war, der einen naiven Glauben an ‚das Gute im Menschen‘ geteilt hätte. Er wusste um die Ambivalenz der menschlichen Natur, darum, dass sie schöpferisch oder destruktiv, gut oder böse sein kann. Dass Picos Entwurf noch heute Leser anzusprechen vermag, liegt zum einen sicher an seiner eigentümlichen Mischung aus Dichte, Klarheit und Anschaulichkeit, zum anderen und vor allem aber an dem, was der Philosoph Ernst Cassirer „ein spezifisch modernes gedankliches Pathos“ genannt hat. In der Tat, Picos Menschenbild mutet ‚modern‘ an, wobei es nah an dem ist, was im Begriff des autonomen Individuums gefasst wird: Hier ist er, der Mensch, eins mit sich selbst, sich seiner Fähigkeiten gewiss, wissend um die Geheimnisse des Universums, die Welt mit ihren unendlichen Möglichkeiten souverän im Blick haltend, frei, sein eigenes Wesen auszuprägen, frei, seine Existenz zu gestalten. Wo wäre die Idee menschlicher Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung prägnanter, idealtypischer gefasst als in der Formel vom Menschen als ‚Bildner und Erfinder seiner selbst‘?

Man kann bei alldem, wie etwa Paul Oskar Kristeller, mit guten Gründen zu bedenken geben, dass Giovanni Picos Entwurf nicht allzu vorbehaltlos im Horizont modernen Denkens oder moderner Begriffe gedeutet werden sollte. So darf man beispielsweise nicht vergessen, dass für Pico die Instanz des allmächtigen Gottes eine feste Größe war, auch wenn dies in der ‚Oratio‘ mehr oder weniger ausgeblendet bleibt. Wo es aber eine Allmacht Gottes gibt, dort wird es mindestens problematisch, den freien Willen des Menschen zu denken. Dieses aporetische Problem ist der ‚Oratio‘, wenn auch nur implizit, eingeschrieben. Auch könnte man einwenden, dass in Picos Schöpfungsgeschichte Gott vor dem Sündenfall zu Adam spricht. Wie aber steht es um die ‚Vortrefflichkeit der menschlichen Natur‘ nach diesem verhängnisvollen Ereignis? Ist nicht spätestens dann der – ursprünglich auf das Gute gerichtete – freie Wille des Menschen korrumpiert und letzterer auf die Gnade Gottes angewiesen?

Tatsächlich ist (wie bei allen Werken, denen man sich über eine größere zeitliche Distanz nähert) bei Giovanni Picos ‚Oratio‘ eine gewisse hermeneutische Vorsicht geboten, will man nicht Gefahr laufen, diesen Text ahistorisch zu deuten. Gleichwohl – wir nehmen uns die Freiheit, Ernst Cassirers treffliche Formulierung vom ‚spezifisch modernen gedanklichen Pathos‘ Picos aufzunehmen und sie noch ein Stück weiterzudenken. Cassirer prägte diese Formulierung in seiner Studie ‚Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance‘, die 1927 erschien. Ausgehend davon könnte man fragen, ob sie knappe 100 Jahre später auch noch Geltung beanspruchen kann, oder anders: ob Giovanni Picos anthropologischer Entwurf auch in unserer Zeit und unserer Kultur ‚modern‘ oder sagen wir besser: zeitgemäß, gegenwärtig wirkt.

Europa oder der ‚Westen‘ erscheinen am Beginn des 21. Jahrhunderts weitgehend säkularisiert, zum Teil auch areligiös. Egon Flaig leitete aus diesem Befund kürzlich in seiner klugen und lesenswerten Studie ‚Was nottut. Plädoyer für einen aufgeklärten Konservatismus‘ die provokante These ab, das Christentum sei – „abgesehen von Sekten und pfingstlerischen Strömungen – erloschen“. Wie auch immer man zu dieser These stehen mag – klar dürfte sein, dass der europäische Mensch des 21. Jahrhunderts in der Welt nur selten noch das Werk eines Schöpfergottes erkennen wird. An die Stelle Gottes ist längst der Mensch selbst getreten. Der Mensch ist nicht mehr nur der, wie es bei Giovanni Pico heißt, ‚Betrachter des Universums‘ oder ‚Deuter und Erklärer der Natur‘. Er ist vielmehr der, der sich fortwährend von der Natur – nicht zuletzt seiner eigenen – entbindet und die Welt, die ihn umgibt, im Dienst seiner Existenz instrumentalisiert, wobei sein Zugriff nicht nur ein gestaltender, sondern auch ein manipulierender, nicht selten gar ein zerstörerischer sein kann.

Helmuth Plessner, der als Philosoph und Anthropologe ein später ‚Fachkollege‘ Picos war, hat sich unter anderem in dem 1937 erstmals erschienenen Aufsatz ‚Die Aufgabe der Philosophischen Anthropologie‘ mit dem Problem auseinandergesetzt, ob und wie man angesichts der Herausforderungen einer säkularisierten Moderne, aber auch der Bedrohungen durch totalitäre Gesellschaftsentwürfe plausible anthropologische Positionsbestimmungen vornehmen kann. „In der Auflösung einer von Antike und Christentum bestimmten Welt“, so Plessner, scheint es kaum möglich, den Geltungsverlust tradierter religiöser und moralischer Normen wirksam zu kompensieren. Es gibt praktisch keine objektiven Kriterien mehr, die Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Tuns zu bestimmen. Daher spricht Plessner von der generellen „Gefährdetheit“ und dem „Wagnischarakter des Begriffes ‚Mensch‘ “, auch von der „Unergründlichkeit des Menschenmöglichen“. Im Gegensatz zu Pico war für ihn der Mensch nichts, das man sicher hätte bestimmen können, sondern eher ein Phänomen, das dazu tendierte, den Betrachter ratlos zurückzulassen. Eines allerdings schien ihm gewiss: „die Erkenntnis der Bedrohungsfähigkeit nicht nur menschlichen Seins, sondern sogar der Idee des menschlichen Seins durch den Menschen“. Diese Erkenntnis hat am Beginn des 21. Jahrhunderts nichts von ihrer Geltung eingebüßt. Sie ist fraglos dazu angetan, den Optimismus in Giovanni Picos Anthropologie zu dämpfen und das Bewusstsein für die Janusköpfigkeit des Menschen, seine sowohl schöpferische als auch zerstörerische Natur, zu schärfen.

Wie aber verfahren mit der Idee der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung des Einzelnen angesichts der Unberechenbarkeit menschlichen Tuns und Seins? Halten wir, um bei Giovanni Pico zu bleiben, zunächst fest, dass die Möglichkeit, die dieser dem Menschen zuschreibt, nämlich gemäß seiner Anlagen seine jeweils eigene Gestalt und Existenz auszuformen, nichts mit den hedonistischen Trivialisierungen und Vulgarisierungen des spätmodernen Individualismus gemein hat, wie man sie heutzutage allenthalben antreffen kann. Es wäre falsch, Picos Entwurf im Sinne einer anthropologischen Entgrenzung zu deuten oder einer schrankenlosen Ermächtigung des Einzelnen, zu tun und zu lassen was er will, ohne dabei Rücksichten auf die Bedürfnisse seiner Mitmenschen oder die begrenzten Ressourcen der Natur zu nehmen.

Somit bleibt, will man die Idee des autonomen Individuums in unserer Gegenwart zur Geltung bringen, zu bedenken, dass diese nicht auf eine Absolutsetzung des Ich hinauslaufen kann. Vielmehr will diese Idee im Bewusstsein dafür realisiert werden, dass der Einzelne immer auf die anderen und auf die ‚Welt‘ verwiesen ist. Um es emphatisch zu formulieren: Die individuelle, selbstbestimmte Existenz kann sich nur in der Rückbindung an das Weltganze entfalten. Wobei es stets auch um die selbstverantwortete Existenz geht: Der Mensch, der – im Wissen um seine Möglichkeiten und seine Grenzen – bereit ist, sein Dasein selbst zu bestimmen, wird dies in erster Linie auf der Basis seiner eigenen Fähigkeiten und unter Einsatz seiner eigenen Mittel tun.

Der Philosoph und Publizist Alexander Grau hat in einem Gespräch mit anbruch formuliert: „Das autonome Individuum ist – vermittelt durch antike Philosophie und Christentum – der großartigste und erhabenste Beitrag Europas zur Kultur der Menschheit. Ohne ihn kein Dante, kein da Vinci, kein Bach oder Beethoven, kein Dürer oder Vermeer, nichts. Wahrscheinlich kann man das ganz Projekt Abendland auf diesen einen Gedanken reduzieren: das autonome Individuum. Er unterscheidet Europa von allen anderen Kulturen.“ Das ist sehr zugespitzt formuliert, dürfte im Wesentlichen aber den Tatsachen entsprechen. Nur eines darf man nicht vergessen: Alexander Grau nennt als Verkörperungen der Idee des autonomen Individuums die Namen großer Persönlichkeiten, Spitzenexemplare der Gattung gewissermaßen. Das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Realisierung dieser Idee keineswegs ein Eliteprojekt ist. Man muss nicht zu den Hochbegabten zählen, will man sich die Freiheit nehmen, eine eigene Haltung zur ‚Welt‘ zu entwickeln, seinem Leben eine eigene Kontur zu geben. Allerdings ist die Existenz als ‚selbstbestimmtes Ungeteiltes‘ nicht nur Verheißung, sondern immer auch Wagnis; sie ist nichts selbstverständlich Gegebenes, sondern eine Aufgabe, die stets von neuem realisiert sein will.

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Zitierte Literatur:

Ernst Cassirer: Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance, Hamburg 2013 [zuerst: 1927], S. 97

Egon Flaig: Was nottut. Plädoyer für einen aufgeklärten Konservatismus, Lüdinghausen / Berlin 2019, S. 21

Paul Oskar Kristeller: Acht Philosophen der italienischen Renaissance. Petrarca, Valla, Ficino, Pico, Pomponazzi, Telesio, Patrizi, Bruno, übers. v. Elisabeth Blum, Weinheim 1986 [zuerst engl. 1964], S. 58

Giovanni Pico della Mirandola: Oratio de hominis dignitate. Rede über die Würde des Menschen, Lateinisch / Deutsch, auf der Textgrundlage der Editio princeps hg. u. übers. v. Gerd von der Gönna, Stuttgart 1997, S. 7, 9, 11

Helmuth Plessner: Die Aufgabe der Philosophischen Anthropologie, in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Frankfurt am Main 1983, S. 33-51 [zuerst: 1937], S. 35, 37, 39, 40

„Der Sieg der Aufklärung ist absolut“ – Im Gespräch mit Alexander Grau, in: anbruch, https://www.anbruch-magazin.de/im-gespraech-mit-alexander-grau/ (06.07.2020)

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