Lyrik

Nach Stefan Georges zumindest in seiner Außenwirkung bedeutendstem Gedicht muss man im kommerziell erfolgreichsten Band des Symbolisten nicht mühsam suchen: Mit seiner spätherbstlichen Vision eines totgesagten Parks, der trotz dieser üblen Nachrede dem andächtigen Betrachter rechtzeitig vor Wintereinbruch noch innige Naturerfahrungen beschert, eröffnet der Dichter 1897 sein ‚Jahr...
Die Spendung des Dichters, belehrt uns Ernst Jünger, sei stärker als die gesamte Leistung der Wissenschaften: Die Welt könne ohne Wissenschaft leben, doch ohne Dichtung nie. Dieser Umstand ließe die „normalen Leute“, so Jüngers langjähriger Brieffreund Rolf Schilling weiter, wie Schuldner des Dichters dastehen, die...
Als der Klett-Verlag zu Ende des letzten Jahres damit warb, beinahe pünktlich zum 150. Geburtstag von Stefan George bisher Ungehobenes aus dem Nachlass des Dichters zutage fördern zu wollen, durften Kenner gestutzt haben: Was würde sich schon ausfindig machen lassen an Unbekanntem aus der Feder eines Mannes, dessen Erben...
Gegen Ende seines Lebens sah sich Ezra Pound als gescheitert an. Gegenüber einem letzten Ratsuchenden, Allen Ginsberg, dem jüdischen Dichter der Beat-Generation, verwarf er seine eigenen Cantos als Durcheinander, als reine Bezugnahmen, gleichsam als Wortfeldübungen und verweigerte ihnen damit den Rang eines Epos, das zu schreiben sein Lebensziel gewesen...
Im Alltag, in den Medien und auch im Großteil der Bücher, die der Buchmarkt hervorbringt, leben wir ständig mit einer funktionellen Sprache; Klischees und vorgefertigte Schablonen sind schnell zur Hand. Die Sprache guter Lyrik aber ist von anderer Art. Sie greift aus in Unbekanntes, Ungesagtes und im Grunde vielleicht...
In unregelmäßigen Abständen widmen wir uns bei Anbruch auch der Poesie. Dass auch modernere Lyrik wertvoll und schön sein kann, beweist George Forestier (Pseudonym des deutschen Dichters Karl Emerich Krämer) mit seiner Liebeserklärung an unseren Kontinent. Es folgt ein Auszug aus seinem Gedicht „Mein Lied für Europa“ Das alte Europa kann noch...
  Der soziologische Nenner, der hinter Jahrtausenden schlief, heißt: ein paar große Männer und die litten tief. Heißt: ein paar schweigende Stunden in Sils-Maria-Wind, Erfüllung ist schwer von Wunden, wenn es Erfüllungen sind. Heißt: ein paar sterbende Krieger gequält und schattenblaß, sie heute und morgen der Sieger -: warum erschufst du das? Heißt: Schlangen schlagen die Hauer das Gift, den Biß, den Zahn, die...
Stefan George (1868-1933) war neben Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal wohl einer der größten und wirkmächtigsten Dichter der Jahrhundertwende. Auch wenn Georges Werk heute nicht die Anerkennung erfährt die ihm zusteht, so ist die Strahlkraft seiner Lyrik, für diejenigen, die dafür offen sind, ungebrochen. Das Gedicht Schlusschor: GOTTES PFAD...
Ihr, die ihr verehrt der Mandarinen Hohe Schreiberkaste Und mit feierlich verdrossnen Mienen Hockt im Amtspalaste,   Wisst, zuwider ist mir Ost und Westen, Nord und Süd geworden, Und ich bin der alten Vesten Satt und müd geworden.   Meine alte Haut hab‘ ich zerrissen An den Stachelhecken, Meine alte Haut ist abgeschlissen An den Jahresecken.   Heut streift‘ ich an dem Dornenhange Meine Haut...
Es gibt ein Distichon von Schiller („Die Sprache“), dessen zweiter Vers lautet: „Spricht die Seele, so spricht ach! schon die Seele nicht mehr.“ Die Sprache bringt die Seele in Widerspruch und Distanz zu sich selbst, indem sie ihr ein Bewusstsein ihrer selbst gibt und ihre lebendigen Regungen in die...