Lyrik

Landschaft als Erfahrung und Landschaft als Imagination Sommer und Herbst des Jahres 1800 waren für Friedrich Hölderlin eine gute und überaus produktive Zeit. Im Juni folgte er einer Einladung seines vertrauten Freundes Georg Chri­stian Landauer, eines Stuttgarter Tuchhändlers, und quartierte sich in dessen...
— Zu Rüdiger Safranskis Hölderlin-Biographie — Die lateinische Sprache kennt zwei Worte für ‚Dichter‘: poeta und vates. Poeta meint den Dichter, wie man ihn landläufig kennt: als einen, der nach bestimmten Regeln Sprachkunstwerke formt. Der vates hingegen hat noch eine weitere...
Ob Ihnen Lyriker geläufig sind, die sich zunächst hartnäckig an Erzählwerken versuchten, das eigene Metier also entweder nicht auf Anhieb fanden oder sich zumindest nicht abfinden wollten allein mit ihm? Umgekehrt fällt die Listung leichter: Ernst Jünger erwarb sich in Wandervogel-Kreisen erste Anerkennung mit Gedichten, Stefan Zweig...
Als mir im Frühjahr 2014 von den Verantwortlichen achselzuckend das Abitur nachgeworfen wurde, bestand darin die entschieden geringere von zwei wegweisenden Weihen im Jahreslauf: Denn höher weit als bis zur freigiebig verteilten Hochschulreife, so dachte man nachträglich bei sich, musste man wohl im selben Herbst mit der...
Jahrhunderterscheinungen wie der Lyriker und Essayist Gottfried Benn wirken weit über ihre Lebzeit hinaus und inspirieren folgende Generationen. Der Autor der nachfolgenden Zeilen ist einer dieser Inspirierten. Nicht zuletzt durch die Absolvierung eines Medizinstudiums sind beide biographisch miteinander verbunden. Auch die Kenntnis vom Einzeldasein inmitten einer...
Der späte Benn, das ist nicht mehr Schrei, Traum und Rausch. Es ist Ernüchterung. Der dionysische Materialismus des Frühwerks weicht einem resignativen Materialismus. „Menschen getroffen“ ist das Bekenntnis eines aufrichtigen Materialisten, Bekenntnis einer intellektuellen Resignation: das Sanfte und Gute ist zwar in der Welt, aber der Dichter...
In „Teils-teils“ berichtet Benn, dass in seinem amusischen Elternhaus „kein Chopin gespielt“ worden sei. Dass Benn hier gerade Chopin erwähnt, zeigt, dass dieser für ihn etwas Exemplarisches verkörperte: das vom Bürgertum vereinnahmte Genie. „Spritzt nicht das Blut von Chopin in den Saal, / damit das Pack drauf rumlatscht!“, heißt es in „Nachtcafé“....
Schon der klangvolle Titel dieses nicht erdrückend bekannten Gedichts deutet auf einen Grenzverlauf hin. Auch England und Finnland als näher benannte Orte bleiben im engeren Assoziationsrahmen, der sich mit der Wendung vom "Saum des nordischen Meers" auftut. Doch weit eher als von räumlichen Marksteinen sprechen die 1935...
Die Ziffernfolge '1943' als Entstehungsjahr dieses Gedichts, das zu Benns bemerkenswertesten zählen dürfte, namhaft zu machen, mag gerade noch angehen. Schon die fachsimpelnde Beschäftigung aber mit Versfüßen und Reimschemata würde den Leserblick fortlenken vom Eigentlichen und hin zum so überlaufenen wie belanglosen Hochreck der Germanisten-Akrobatik.
Die Welt dreht sich weiter. Und zwar mit zunehmender Geschwindigkeit, denn die politischen Spannungen und Verwerfungen werden immer größer. Auch das wissenschaftliche Weltbild gewinnt an Dominanz, legt sich über den Bereich des Sozialen und lässt das Ich als berechenbares Element in der Masse verschwinden.