»Aus dem Glanz des Halkyon« — Rolf Schillings ‘Im Spiegel der Blitze’

Alle fünf Jahre glückt es. So könnte eines von Wagners finalen Worten variieren, wer nicht nur weiß, dass sein Hörer Rolf Schilling im Herbst 2017 neue Gedichte vorlegte, sondern auch, wann dies zuvor letztmals geschah. Lag der titelgebende Schwerpunkt im 2012 erschienenen Band ‚Lingaraja‘ noch unverkennbar auf dem Indischen Subkontinent, so fächert der Stifter des Holden Reiches ‚Im Spiegel der Blitze‘ wieder weiter: Zwar erfährt der fernere Osten durch Dichtungen wie ‚Qianlong‘ oder ‚Samurai‘ erneut Berücksichtigung, doch ebenso Sumer durch ‚Ischtar‘ oder ‚Stier von Lagasch‘, Ägypten durch einen siebenteiligen Zyklus zur Geier-Göttin ‚Nechbet‘ sowie der Sagenschatz des europäischen Hochmittelalters durch den Gedichtkreis ‚Melusine‘. ‚Shiva-Jünger‘ vertritt die hinduistische Sphäre, ‚Der Flug des Propheten‘ die islamische, ‚Engel der Verkündigung‘ die christliche – und um klassisch Hellenisches wie Germanisches darf ohnehin unbesorgt sein, wer Schilling gründlicher als vom Hörensagen kennt. Dabei finden sich und fertigt er allenthalben Bezüge und Verstrebungen zwischen den verschiedenen Kulturräumen, sodass die literarische Anverwandlung der einzelnen Stoffe keineswegs so kasuistisch vonstattengeht wie es dort den Anschein haben mag, wo die Form der Rezension eine gedrungene Darstellung verordnet.

Auch das Ausmaß, in dem sich Schilling ‚Im Spiegel der Blitze‘ abermals als Kenner des Kanons und damit der Konkurrenz erweist, ist an dieser Stelle nur andeutungsweise abzubilden: Ob er in ‚Castel del Monte‘ im Vorübergehen auf Vergils ‚Acheronta movebo‘ anspielt, ob durch den Vers „Der Sommer war nicht groß“ auf Rilkes ‚Herbsttag‘ oder mit der „Herbstklarwetterklause“ auf den chinesischen Roman ‚Der Traum der Roten Kammer‘. Mal borgt er sich die einprägsame Wendung „mit Sardern und Saphiren“ aus Georges ‚Algabal‘, mal weitet er mit ‚Wir Artisten‘ ein vergleichsweise entlegenes Wort Nietzsches zum Gedicht aus oder entbietet in ‚Aetherisch III‘ durch die Verse „Man muss den höchsten Gipfel nicht erklimmen: / Von oben kommend landet man auf ihm“ einen intertextuellen Gruß an dessen Epigramm ‚Höhere Menschen‘, wo es heißt: „Der steigt empor – ihn soll man loben! / Doch jener kommt allzeit von oben! / Der lebt dem Lobe selbst enthoben, / Der ist von droben!“ Und noch wer sich partout weigern wollte, in ‚Sohn des Lichts‘ formal zumindest von fern Goethes ‚Vermächtnis‘ durchscheinen zu sehen‚ dürfte kaum zu bemerken umhin kommen, dass auch anderswo, mal verdeckter, mal offen wie im ‚Hexen-ABC‘ oder in ‚West-Östlich‘, das Erbe des Ahnen bepflegt und umgepflügt wird, der Orient und Okzident für nicht mehr zu trennen befand: „Säumig in der Sommerhitze, / Denk, daß es dasselbe sei, / Ob des Wikings Klinge blitze, / Ob das Schwert des Samurai.”

Enthielten frühere Bände noch vornehmlich personal ausgerichtete Huldigungen an bildende Künstler wie Lorrain, Böcklin oder Ciurlionis, so treten nun deren und anderer Motive in den Vordergrund: ‚Die Schildhalter‘ in der sixtinischen Kapelle etwa oder die Delphische und Libysche Sibylle Michelangelos, wobei ausdrücklich auf den merkwürdig verrenkten Zeh der letzteren Bezug genommen wird, was unter Verweis auf Dichtungen wie ‚Skarabäus‘ oder ‚Skorpion‘ die saloppe Feststellung erlaubt, dass Schilling von Fußgliedern bis zu Gliederfüßern nichts auszulassen entschlossen scheint in seiner poetischen Weltvermessung, die längst nicht flächendeckend auf das Personale verzichtet: Alkaios, Asklepiades und Sappho immerhin erfahren im Abschnitt ‚Oktober-Oden‘ Würdigungen just in jenen Strophen, mit denen ihre Namen jeweils verbunden bleiben, wobei Schilling die Muster, in welche er sich rhythmisch fügsam begibt, semantisch zugleich seinerseits überlegen mustert: „Schroffer fügt Vers-an-Vers-Block Asklepiades, / Fast als ob dem Gesang sich streng verweigerte / Seine Strophe, doch sanfter / Schwingt ihr Joch sich zum Ende hin.”

Buddhas ohne Zahl

Das nachdrückliche Bekenntnis, ihm sei es um Formgebung statt Wahrnehmung zu tun, abgelegt im Essayband ‚Schwarzer Apollon‘, beginnt Schilling also im fünften Jahrzehnt seiner Autorschaft nicht als Freibrief für Lebens- oder Bildungsferne auszulegen. Seine Haltung bleibt, so viel geht bereits aus den Geleitversen unmissverständlich hervor, auch ‚Im Spiegel der Blitze‘ bei Fülle und Wechsel der Motive die vertraute: Ihren Niederschlag findet sie in fortwährender Selbstbefragung, -vergewisserung und -überwindung eines der Welt abhanden Gekommenen – wahrscheinlich wohlweislich, zumindest aber unwillkürlich Anleihen nehmend bei Nietzsches Bild vom ‚Wanderer und seinem Schatten‘ – der durch die Sprache wiederum eigene Handhabe über die Natur und ihre Gesetze gewinnt: „Du hör zu jeder Frist, / Was aus der Tiefe spricht: / Wer noch die Stunden misst, / Kennt nicht des Worts Gewicht. / Nur wer die Zeit vergisst, / Versäumt sie nicht.” Und dass die Zeit des Künstlers nirgends gründlicher vergessen, nirgends mithin auch weniger versäumt ist als an der Arbeit, daran lässt bereits das Sonett ‚Meister und Werk‘, untergebracht in ‚Mund von Ur‘ als erstem von fünf Segmenten, keinen Zweifel.

Schmück deinen Saal im Abendglast.
Verlier vom Golde nicht ein Gran.
Dem Bildner werde leicht die Last,
Solang das Werk noch ungetan.

Und wisse stets: Du bist ein Gast
In diesem Spiel von Traum und Wahn.
Wenn du den Bau vollendet hast,
Wirft dich ein Sandkorn aus der Bahn.

Du warst es nicht, der das ersann.
Du flammtest auf – in wessen Strahl?
Und wenn es dir zerbrach, zerrann,

Wenn Glut zu Asche ward und schal
Der Trank, dann schau das Sandkorn an:
Drin schlummern Buddhas ohne Zahl. 

„Wir nahen den Göttern in Stolz und in Demut“, liest man in ‚Das verweigerte Opfer‘, Schillings vielleicht stärkstem Prosa-Stück: „in Stolz, weil wir gottgleich sind. In Demut, weil wir es nur zuweilen sind“. Demut ohne Stolz münde in Unterwerfung, Stolz ohne Demut in Hybris und Sturz. Obwohl dem Autor dieser Zeilen am Ausgleich gelegen scheint, liegt der Akzent in den zitierten Versen auf der Bescheidung: Das Bild des Künstlers als Mundstück und Medium, als am Werk gefeit durch den Tunnelblick des Beaufgabten und ansonsten vogelfrei, mag Passagen aus ‚Der Waldgang‘ in Erinnerung rufen, in denen der Mensch des Interregnums unverhofft wohlwollender Betrachtung unterzogen wird: „In vielem gleicht er einem Soldaten auf dem Marsche zu unbekannten Zielen oder dem Arbeiter an einem Palast, den andere bewohnen werden – und das ist nicht sein schlechtester Aspekt; soll man ihn ablenken, solange die Bewegung im Gange ist?“ Man soll es nicht, müsste Jünger wohl erwidert werden im Sinne Schillings, dem nach End- oder auch nur Haltepunkten kaum verlangt, seit er sich als blinder Kurier wahrnimmt, eher als ergriffener Auf- denn begreifender Erfinder seiner Gedichte. Zeugnis von dieser Selbsteinschätzung legen Verse in unmittelbarer Nachbarschaft zu ‚Meister und Werk‘ ab, die der üblichen Genie-Konzeption einen Strich durch die Berechnung machen, indem sie nicht länger den tollen Rausch zupackenden Künstlertums ins Auge fassen, sondern Rollentausch mit dem Kairos: „Besser als am Schopf zu fassen / Das Geschick, das sich entzieht / Wäre: sich ergreifen lassen, / Bis es dir im Traum geschieht.” Ahnend, dass der Dichter sich den Fuß – zumal in den Stapfen Nietzsches und Georges – wohl ganz so schlank nicht machen kann, weicht Schilling ins Konjunktivische aus, das Raum lässt für Goethes metrisch konformen Indikativ: „Jüngling, merke dir in Zeiten, / Wo sich Geist und Sinn erhöht: / Dass die Muse zu begleiten, / Doch zu leiten nicht versteht.”

„Wenn du den Bau vollendet hast, / wirft dich ein Sandkorn aus der Bahn.” Für alle, deren Lebensläufe sowohl das beschirmte Zielstreben des Unentwegten verbürgen als auch ein mitunter tödliches Mehr an Licht durch die jähe Weitung des Tunnelblicks auf der Zielgeraden, mögen hier über die Jahrhunderte und Künste hinweg stellvertretend Tschaikowsky stehen, dem über die Uraufführung seiner ‚Patetique‘ hinaus neun Tage blieben, Novalis, dessen Schwindsucht mit Drucklegung der ‚Hymnen an die Nacht‘ auftrat, oder Raffael, der die ‚Transfiguration‘ und mit ihr sein Leben vollendete. Und auch Arno Breker, um den Blick erneut Richtung Gegenwart und Norden zu lenken, wurden durch einen zwar nicht vorzeitigen, aber doch pünktlichen Tod Illustrationen zum Vermächtnis, die er für den Gedichtband ‚Tage der Götter‘ beisteuerte, womit ein Bogen zurück zu Schilling geschlagen wäre und seiner Überzeugung, dass nach der Zeichensetzung nicht bloß der Bezeichner überzählig, sondern auch und gerade das Bezeichnete angezählt sei: Als Büchnerpeisträger Fritz Usinger starb, kurz nachdem Schilling ihm ‚Sängers Heimkehr‘ zugeeignet hatte, deutete der jüngere Dichter den Hingang des älteren in erster Linie als dessen endgültigen Eingang ins Gedicht im Sinne des Schiller-Wortes: „Was ewig im Gesang soll leben / Muss im Leben untergehen.“ In keine andere Kerbe schlägt der Gealterte nun, wenn er ‚Im Spiegel der Blitze‘ Datura besingt, die verbräunt, sobald man sie „mit Versen umzäunt“, oder aber eine Eule „aus Dickicht und Tann“, enggeführt mit der germanischen Seherin Wala: „Kaum daß du sie schautest, / Mit offnem Visier / Und Raum um sie bautest, / Entzieht sie sich dir.“ Doch anderswo findet er sie besser, überwinden Signfikat und Signifikant die Dissonanz von Leben und Poesie zu Gunsten der letzteren: „Du weißt, sie kehrt wieder: / Im Einklang, im Reim.

„In jedem Staubkorn“, so das indische Sprichwort, mit dem Schilling 1984 einen seiner ersten Briefe an Jünger versah, „schlummern Buddhas ohne Zahl.“ Im Tagebuch ‚Siebzig verweht‘ zitiert der Adressat auszugs- und lobenderweise aus der Sendung „über die Mauer“, nicht ohne im Anschluss – den Wettbewerb um die schlagendste Beschreibung versagender Maßstäbe aufnehmend – mit Klopstock beizufügen: „Da eilen die Erden / Klein, unmerkbar dahin, wie unter des Wanderers Füße / Niedriger Staub.“ Ist der nach über dreißig Jahren vollzogene Rückgriff auf die vedische Formel erst einmal als solcher erkannt, vermeint man die Genugtuung förmlich nachzuempfinden, die es bereiten muss, Abgetanes – denn Schreiben heißt für Schilling abtun wie Sprechen kundtun heißt – wieder aufzutun im Stadium der Selbsthistorisierung, da frühes Mühen Früchte zu tragen und ein Künstlerleben sich langsam zu ründen beginnt: „Was in Arieltagen / Dir verhangen war, / Wird am Saum der Sagen / Strahlend offenbar.“ „Man zieht gelassener seine Bahn“, hielt Schilling 1995 im Vorwort zum Tagebuch ‚Lebens Mittag‘ fest, „wenn man die Ernte in der Scheuer weiß.“ Als Dokument einer mit der Zeit erst gewonnen Erdung sind ‚Im Spiegel der Blitze‘ die Eingangsverse des abschließenden Kapitels ‚Widder am Spring‘ lesbar, zunächst das Unmäßige der Jugend ins Gedächtnis rufend – „Einst war dein Werk nichts als Rausch und Verzehr, / Kostbar die Stunde und selten das Gut“ – , um von dort die allmähliche Kehre ins Gemessene aufzuzeigen – „Aber nun schreitet ein Gott vor dir her. / Was du vollbringst, steht in heiliger Hut“ – , dessen Vollendung der Gleichklang mit den Gezeiten bildet: „Und es gehorcht wie das wogende Meer / Einzig dem Wechsel von Ebbe und Flut.

Untermauert wird Schillings Selbstreflexion durch die Beobachtung, dass in seinem ältesten Band ‚Scharlach und Schwan‘, der Werke von 1968 bis 1977 vereint, kaum eine Handvoll Dichtungen ihrem Titel nach auf Organisches, auf Flora oder Fauna verweisen, im jüngsten dagegen mehr als drei Dutzend, in denen vereinzelt diese schrittweise – eher demütig zu erhoffende als eigenmächtig erwirkbare – Wandlung im Verhältnis zur Natur anklingt: „Und du fragst nicht / Vor den Rosen: / War ich früher / So entrückt? / Und du wagst nicht, / Zu erlosen, / Was dem Müher / Niemals glückt.“ Bereits in der ‚Feuerlilie‘ von 1995, die man nach Jüngers Tod auf dessen Wilflinger Schreibtisch vorfand, hatte Schilling in einem Gedicht namens ‚Einst und Zuletzt‘ die verschiedenen Lebensalter auf je eine Versformel zu bringen versucht: „Zuerst warst du mit Samtenem befaßt“, heißt es dort über die frühe Adoleszenz mit ihrer barocken Faszination für Traumtänzerei und Morbidität, für Anorganisches wie Urnisches, abgelöst durch das schroffere Mannesalter mit seinem Ruf zur Selbstbehauptung: „Dann hast du dich an Erzenem entzückt.“ Doch erst die letzte Stufe zum Parnass dürfte es sein, jene von der waffenstarrenden Weltbemächtigung zur entwaffnenden Weltwerdung, die den Thüringer Dichter zur herben Enttäuschung manches extrovertierteren Adepten 1983 ungezwungen verkünden lassen konnte: „Das Holde Reich bin ich.“ Zu den letzten beiden Etappen dieses nachgezeichneten Lebensweges vom Preziösen über das Agonale hin zum Elementaren mag es sich fügen, dass Schilling in der Wahl und Gewichtung seiner musikalischen Hausgötter spätestens nach der Jahrtausendwende endgültig von Wagner zu Bach fand, von Funkenstieben und Waberlohe also zu jenem trauten Gespräch der ewigen Harmonie mit sich selbst, als welches Goethe die Musik des Thomaskantors in einem Brief an Zelter näherungsweise beschrieb.

Die Verortung von „Buddhas ohne Zahl“ selbst noch im Sand- oder Staubkorn, das namentlich aus gelassener gezogenen Bahnen – „Wenn du den Bau vollendet hast“ – wirft, bekräftigt einmal mehr, dass Schilling – mit Kierkegaard gesprochen – der glücklichen Selbstverlorenheit eher als unglücklicher Selbstbehauptung zuneigt, dass er sich abkömmlich weiß, weil offenkundig nicht das Korn – und damit der Kosmos, den es im Kleinen repräsentiert – nach dem Höhenflug des Kunstaktes – „diesem Spiel von Traum und Wahn“ – an Potenz und Innenspannung verliert, – „wenn Glut zu Asche ward und schal“ – , sondern allein der „Bildner“, bei Schilling nicht als originärer Schöpfer auftretend, sondern nach romantischem Paradigma allenfalls erschließend und entsiegelnd, was der Welt von Grund auf an Poesie eingesenkt ist. Vor dem Hintergrund dieser Poetik sind sowohl Verse im lyrischen Werk zu lesen, wonach Breker die marmornen Schläfer „aus dem Block“ gerufen habe, als auch der Satz im aphoristischen, das All sei bereits Dichtung allem Wort zuvor: „Die Welt ist Wiederkunft, Rhythmus, Gesetz. Wo wir auch ansetzen, wir spüren Harmonien auf.“ Als ledigliche Entberger – „Du warst es nicht, der das ersann“ – , als Be- statt Erzeuger dürfen sich Künstler im Zweifel gehen lassen: „Ich bin stündlich auf den Überfall durch die Götter gefasst“, heißt es im Essayband ‚Eros und Ares‘, „auf ihr Rosen-Gewitter, auf ihr Gold-Attentat.“ Und ‚Im Spiegel der Blitze‘: „Den Göttern überlaß / Nichts weniger als alles. / Harr ihres Überfalles / Im Schatten des Parnaß.“

Geschichte und Traum

Trotz der hier dargelegten Bereitschaft zur nachgiebigen Überantwortung selbst an ungnädige Schicksale wird sich mancher Leser wünschen, Schilling möge sich nach Abschluss auch dieses Bandes rasch wieder an die Arbeit und damit außer Gefahr begeben. Doch wohin geht, wenn zu Werke, der Dichter? „Treib aus der Geschichte, / Hinab in den Traum“, findet man in ‚Pilz-Paradiese‘ von 1981 seinen Arbeitsweg nachgezeichnet, „Für große Gesichte / Ist immer noch Raum.“ Dass diese Verse eher auf eine Veränderung der Seh-Art als des Seh-Ortes abzielen, dürften Zeilen aus der ‚Reise ins Innere des Geistes‘ verdeutlichen, die Marc Jongen unternahm: „Während sich das begriffliche Denken wie auf einer Fläche vorwärtsbewegt, gewissermaßen in der Horizontalen einen Gedanken nach dem anderen an der Kette der Zeit aufreiht, erhebt sich der Bereich der Schau senkrecht unter der Denk-Ebene und erleuchtet dort einen geistigen Raum, der den ganzen Sinnzusammenhang auf einen Schlag sichtbar werden lässt.“ Hinabzutreiben aus der Geschichte in den Traum meint folglich eine Verlagerung des Ausgangspunktes von der Peripherie ins Zentrum, aber auch die Umkehr der Gangrichtung von zentripetaler Zergliederung zu zentrifugaler Anreicherung sowie die Änderung der Gangart vom Be- zum Andächtigen, das erst die Sinne schärft für Welten, „die kein Tag-umfangnes / Aug erspähte je, / Nur dein Traum-verhangnes, / Göttin Galathee.“ Sich dieses Verhängnisses zu erwehren hätte für die bejahrte Taucherin Leni Riefenstahl, hier folgerichtig als Nereide angesprochen, das bloße Hineinsehen ins Eigentliche statt eines Aufgehens darin bedeutet – nach Jongen „intus-legere“ statt „intus-eor“. Sein eigenes Zutrauen eher der Intuition als dem Intellekt gegenüber bekennt Schilling in den letzten Versen der ‚Pilz-Paradiese‘ gleich buchstäblich: „Gefeiter im Vliese / Des Widders, tritt ein!

Der Überhöhung des Unterbewussten wird auch ‚Im Spiegel der Blitze‘ nicht abgeschworen: Dort liegt mit ‚Traum von Sumer‘ nun erneut ein Gedicht vor, in dessen Schlussvers das Kennwort „Eintritt“ aufscheint und das fragend anstimmt: „Je ferner die Gesichte, / Je heller dir verklärt, / Was taugte die Geschichte, / Wenn sie den Traum nicht nährt?“ Höchstens als Sprungbrett ins Überzeitliche lässt Schilling „Tag-umfangnes“, Jongens „Denk-Ebene“ demnach gelten, Goethes Wort aus den ‚Maximen und Reflexionen‘ getreu, das Beste an der Geschichte sei der Enthusiasmus, den sie errege. Bei Talleyrand indessen, was einem Diener ganzer sechs verschiedener Regimes kaum zu verargen ist, firmiert die herkömmliche Historiographie in ihrem Kaprizieren auf Zäsuren als „Unfallchronik der Menschheit.“ Dort bestehen vorrangig Pöbelaufstände, Weltkriege, Völkermorde. Statt zu Kultur- oder Zivilisationsbrüchen zieht es Schilling jedoch von Berufs wegen zur Fügung hinan, sodass er eher ein Glücksfallchronist zu nennen wäre, von dem letztlich unklar bleibt, ob er seine Motive fristgerecht in ihrem Zenit fixiert oder ob erst diese Fixierung ihren Zenit markiert: „Steig auf aus den Nestern / Der Weltflüchter, bann / Ins zeitlose Gestern, / Was blühend begann.“ In fraglos hoher Blüte stand das Schaffen Arno Brekers 1938, als Charles Lindbergh im Berliner Atelier am Käuzchensteig vorstellig wurde, um das entstehende Relief ‚Der Flug des Ikarus‘ in Augenschein zu nehmen. Zwar zeigte sich der amerikanische Flieger beeindruckt von der makellosen Darstellung seines hellenischen Zunftgenossen, doch zugleich irritiert von Brekers Maßnahme, den Helden bloß aufstrebend abzubilden und so die eigentliche Pointe des Mythos auszusparen: „Dear Arno, there’s something missing!“ ‚Hitlers Phidias‘ soll darauf, ganz Glücksfallchronist aus Überzeugung, bloß augurisch gelächelt und bestimmt erwidert haben: „Mein Ikarus fällt nicht.“

So lässt auch Schilling, der an den Skulpturen des einstigen ‚Staatsbildhauers‘ die „Einheit von Grazie und Monumentalität“ rühmt und auf weiter Flur allein in ihnen ein „sichtbares Äquivalent“ zur eigenen Bilderwelt erblickt, anders als Ikarus nichts anbrennen und gleich Breker nichts grundlos stürzen, sondern rät sich Nimrod und Semiramis besingend: „Du träum, wo Widders Stöße / Dir drohn mit Hörnerschall, / Allein von ihrer Größe / Und nicht von ihrem Fall.“ Dass er auch im zehnten Gedichtband nicht dazu übergehen würde, Glücksfälle mit politischer oder moralischer Elle zu messen wie der Historiker seine Unfälle, dürfte für Leser zu hoffen und Gegner zu befürchten, vor allem aber für beide zu erwarten gestanden haben. Bemerkenswerter nimmt sich hingegen aus, dass nicht allein Ästhetik oder Heroismus, Grazie oder Monumentalität als Maßstäbe geltend gemacht werden, sondern ebenso und nicht zuletzt der Grad an Überschneidung von sinnlicher Anschauung und geistiger Schau, zusammengeworfen zum Symbolischen. Zu Glücksfällen unter diesem Gesichtspunkt zählen für Schilling auch solche, in denen der Sturz die Größe nicht ausnahmslos mindern muss, sondern dem Symbolgehalt nach zuweilen erst stiftet, wie er es für die Titanic annimmt: In deren Untergang habe sich das 20. Jahrhundert sinnenfällig verdichtet, wird im Tagebuch ‚Refugium‘ befunden; alle folgenden Katastrophen seien „nur noch Commentar“ gewesen: „Dieses Ereignis begriff im Wirklichen in sich, was Nietzsche im Geist erschaut hatte.“

In Ansehung des dichterischen Herangehens, sich von der Geschichte in den Traum zu verabschieden, um von dort jene, wo sie es hergibt, wieder einzugemeinden, wirkt es nicht weiter verwunderlich, dass Lyriker seit jeher um die griffigste Abwandlung des alchemistischen Wahlspruchs ‚solve et coagula‘ – „trenne und verbinde“ – wetteifern: Ob wie Benn in poetologischen Ausführungen über „die schwer erklärbare Macht des Wortes, das löst und fügt“ oder wie George in der Poesie selbst: „Bangt nicht vor rissen brüchen wunden schrammen / Der zauber der zerstückt stellt neu zusammen.“ In gewissermaßen alchemistische Tradition rückt auch Nietzsche die abendländische Dichtung zumindest insofern, als er in Platon einen „Verleumder des Lebens“ erkennt, dem Homer „als dessen unfreiwilliger Vergöttlicher“ entgegenstehe. Wo Platons versonnene Jenseitigkeit das Dasein ins Zwielicht rücke, verkläre Homer als „goldene Natur“ Diesseitiges selbst noch in seinem Dunkel zu sangbaren Hexametern, sehe noch in der Geschichte die Palimpseste des Traums durchscheinen und schürfe sie in Bejahung des Lebens hervor. Auf dieser Grundlage ist auch Schillings Bemerkung zu verstehen, wonach jeder Dichter, der den Namen verdiene, im Besten wie im Schlimmen Midas verwandt sei – dem phrygischen König, der seine herbeigewünschte gleichsam künstlerische Gabe, im Handstreich zu veredeln, bald schon bereute, worauf er den zum Fluch gewordenen Segen bei einem Bad im Paktolos abwusch: „Am Fluss, dessen Schimmer / Die Schatten durchdrang, / Dort leuchtet noch immer / Wie Gold, der Gesang.“ Doch taugt Geschehenes nur, wo es Geschautes nährt. Wo nicht, da gilt es dem Sänger – und damit der Nachwelt – wie nie gewesen: „Kein Lober wird vergotten, / Was sich der Nacht befahl.

Im Zentrum der Poesie

Als wäre nichts gewesen, so liest sich auch ‚Im Spiegel der Blitze‘ gleich in mehrfacher Hinsicht: Zunächst auf der Ebene des Verlegerischen: Als ob es keine Entfremdung gegeben hätte und nun offenbar überbrückte Gräben zwischen dem Dichter und der Edition Arnshaugk, wo dieser Band als erster seit zwanzig Jahren erscheint. Als wäre nichts gewesen ferner im Stilistischen, da Schilling nicht nur auf hergebrachten Formen beharrt, sondern auch seinen Wortschatz lieber aufzufrischen oder nachzurüsten als upzudaten scheint: Zwar versteigt er sich kaum in die luftigen Bezirke Alexanders von Stauffenberg, der noch modernste Propellermaschinen ungerührt in „metallenes werkzeug die lockung der erde betrügend“ umtaufte, doch darf auch bei ihm der Zöllner noch Schösser sein, das Dreschen Drusch und die Blüte Blust, trifft man nach wie vor Dronten an, Geusen und Dulziane, weisen noch Wege schlafhin und abendwärts. Und selbst wo misstrauische Rezipienten Grenzüberschreitungen wittern, weiß er sich zu helfen: Die Vokabel „Surfer“ etwa, aufgetaucht in der Leni Riefenstahl gewidmeten Dichtung ‚Im Corallenhaus‘ und von Lesern vereinzelt als zu kontemporär bemängelt, machte Schilling daraufhin im Baedeker von 1832 ausfindig. Als wäre nichts gewesen zum Dritten und schließlich aber auch im ungleich ernsteren, existenziellen Sinn des Sich-Vergessens, wie es jedem verschlossenen, Perlen bildenden Tier in der von Nietzsche imaginierten „Umwölkung des Schaffens“ blüht: „Wo sich Wunsch und Wille / Wie ein Hauch verliert, / In der Muschelstille, / Die das Licht gebiert, / Stieg aus blauen Tiefen / Weißer Kämme Schnee, / Wars, als ob dich riefen / Stimmen aus der See.

Im Sarabanden-Maß
Darfst du die Zeit anhalten
Und auf der Welle stehn.
Nur wer sich ganz vergaß
Im Wandel der Gestalten,
Wird Sanges Macht entfalten.
Erst dann ist abzusehn,
Was uns die Nacht erlas.

Auf Sarabanden-Art
Wird sich zum Netz verweben
Von Stimmen ein Gespinst.
Was dir ist aufgespart
Im Steigen, im Verschweben,
Du hast es hinzugeben
Am Ausgang deiner Fahrt,
Wenn du das Spiel beginnst.

Fasst der gefrorene Wellenreiter noch den Stillstand der Zeit ins Bild, mittelalterlich gesprochen das im Wortsinn epochale nunc stans, so könnte man die Koinzidenz von Ausgang und Beginn dem nunc distans beiordnen, das Bernhard Waldenfels in Abgrenzung zum bloßen Herausstehen aus der linearen Zeitordnung für deren Zerstörung einführt und an die These koppelt, jedes nunc stans werde unterhöhlt von einem nunc distans. Das nunc stans stünde hiernach für Dichtung als Äußerstes des Sagens, dem nunc distans für den Tod als Äußerstes des Seins verschwistert insofern, als jene dieser auf Raten ist und das Schöne nichts als des Schrecklichen Anfang: „In der Sicherheit des Sagens, / In der Sicherheit des Seins, / Sind die Stunden hohen Wagens / Und die Zeit des Heimgangs eins.“ Auf die Verwandtschaft von Höhe- und Endpunkten in Sagen und Sein wie auf die Dissonanz von Kunst und Leben weist überdies ein Wort, zu dem sich Jünger nach dem Tode Ezra Pounds hinreißen ließ: „Nun ist er im Zentrum der Poesie.“ Dorthin ist auch Schilling unterwegs – ohne Zeitspiel, doch ebenso fern von Torschlusspanik: „Noch ist ein Grat zu ersteigen, / Eh du dich rüstest zur Ruh, / Wo sich die Pfade verzweigen, / Wähle den steileren du.

Noch ist’s ein Ersprießen.
Hoff, daß nicht zu früh
Die Kelche sich schließen,
Der Funke verglüh.

Die Schätze in Truhen,
Den funkelnden Schrein,
Du lässest sie ruhen,
Du schaust nicht hinein.

Es mag davon zehren,
Wer Holdes nie schuf –
Die Wunder zu mehren,
Ist Sängers Beruf.

Unweigerlich fühlt man sich bei Lektüre der letzten Strophen von ‚Die Tage im Garten‘ an Georges berüchtigte Vision ‚Der Widerchrist‘ gemahnt, die von den Alliierten nebst anderer Texte bereits 1942 als Flugblatt über deutschen Frontlinien abgeworfen, offenbar also nicht erst von Stauffenberg, aber später doch auch von diesem auf Hitler bezogen wurde. Darin bietet der Versucher durch ‚die kunst ohne roden und säen und baun / Zu saugen gespeicherte kräfte“ eine scheinbare Lösung für die Problemstellung an, von der seit geraumer Zeit als ‚Böckenförde-Theorem‘ die Rede ist – das Dilemma nämlich, dass der moderne Mensch wie selbstverständlich von etwas lebt, für das zu sterben oder auch nur geringere Opfer zu bringen er mittlerweile außerstande scheint. Schilling, indem er gelobt, „den funkelnden Schrein“ – die kulturelle und soziale Substanz – unangetastet zu lassen, distanziert sich nicht zum ersten Mal vom Raubbau der Schuldner mit Gläubiger-Gestus, die Bernard Willms als „politisch parasitär“, Botho Strauß als „anspruchsunverschämt“ und Rüdiger Safranski als „Endverbraucher des Liberalismus“ dingfest macht: „Schwarzer Fremdling, gehst du unter ihnen, / Die der Stachel der Verwesung treibt, / Ohne Willen, ihrem Wahn zu dienen, / Der vom Stoff sich nährt und fruchtos bleibt.“

Im Wandel der Gestalten

Legt man Georges Prophetie, deren Titel und den zitierten Gegenentwurf zugrunde, so könnte man geneigt sein, im selbsterklärten Mehrer gespeicherter Kräfte einen wahrhaftigen Christen zu vermuten. Und obschon man in dieser Annahme wenn auch nicht vollkommen fehl, so doch sicherlich zu weit ginge, nimmt Schilling sich zusehends der abrahamitischen Monotheismen im Allgemeinen an sowie des Christentums im Besonderen. Auf Nachfrage bekundet er, dass manches Bibelwort, zumeist aus dem Buch Kohelet, zu seinem festen Repertoire gehöre und dem gegenreformatorischen Mystiker Angelus Silesius seine Wertschätzung. Darüber hinaus nennt er den militanten Traditionalisten Nicolás Gómez Dávila als letzten Zeitgenossen, der ihm zur Offenbarung geworden sei und dessen Aphorismen-Sammlung ‚Einsamkeiten‘ generös „ein Buch, das ich nun nicht mehr zu schreiben brauche.“ Gerade bei katholischen Lesern, so sein Resümee, habe er stets einen guten Stand gehabt – unter ihnen etwa der Publizist Heinz-Theo Homann, der Philosoph Gert-Klaus Kaltenbrunner oder der Maler und Architekt Ludwig Valentin Angerer. Dass aber Schilling wie Jünger vor dem letzten Weg noch einen der vielen nach Rom beschreiten könnte, scheint ausgeschlossen: Zu häufig und prominent bezieht er sich ‚Im Spiegel der Blitze‘ mit der Stehformel „Im Wandel der Gestalten“ auf Leopold Zieglers Schrift ‚Gestaltwandel der Götter‘, die sämtliche konkreten Ausprägungen des Kultischen als vordergründige Hypostasen ein und derselben abgründigen ‚Ousia‘ behandelt, voneinander geschieden durch Raum und Zeit als Individuationsprinzipien, die Schopenhauer mit Blick nach Indien „Schleier der Maya“ nennt.

Dieser Lesart gemäß dürfte die christliche bloß als eine der partikularen Stiegen gelten zum universalen Adyton, das Suchende, entsagungsscheue zumal, unerbittlich in seine Vorhöfe als Orte eines Stadiums zurückverweist, das in Jüngers Essay über Drogen und Rausch als ‚Annäherung‘ umschrieben wird: „Eintritt ins Element / Ist uns verwehrt: / Nur wer das Dunkel kennt, / Nur wer als Opfer brennt, / Findet vielleicht am End, / Was er begehrt.“ Verhaftet bleibt Schilling diesem Elementaren allein und lässt sich ansonsten vor keinen Wagen spannen, vereinnahmt höchstens beharrlich sein früheres selbst, da er – eigene Wunder mehrend – unablässig an bereits etablierte Motive und Wendungen anknüpft: Ob es die Selbstansprache als ‚Fragilster der Gefeiten‘ ist, eingeführt spätestens in der ‚Messingstadt‘, nach Jahrzehnten erneuert und mit der Dreingabe „Heißt du dann wie vor Zeiten“ versehen, ob er in den Oden ‚Gernrode‘, ‚Die Unstrut‘ und ‚Burg Regenstein‘ weiter den heimischen Harz durchkämmt oder aber den Eichen von Ivenack, bereits 1992 im Band ‚Die Häupter der Hydra‘ vertreten, einen erneuten literarischen Besuch abstattet, die Zweischneidigkeit göttlichen Auf- und Nachtragens in hohem Stil herausarbeitend: Dem Künstler können Würfe gelingen bis über jene Marke hinaus, von der an die Götter ihn nicht länger als Schützling, sondern als Schützen ansehen und folglich -greifen. Der Meister begibt sich also, wenn ans Werk, niemals ganz außer Gefahr, sondern stets von der einen in die andere, von der bloß schmerzhaften in die auch schmeichelhafte: „Und wird es ein Wurf in die Weite, / So frag nicht, ob über dem Speer / Der Stern sich des Gotts, der dich leite, / Zum Blitz, der dich treffe, verkehr.“

Geh unter Blitzen geborgen“ lautet ein programmatischer Vers aus dem ‚Questengesang‘, mit dem Schilling sich früh schon auswies als jemand, der die kompromethierende Marke und so zugleich sich mit den Göttern hinreichend oft überwirft, um auch im Spiegel der Blitze eine Häuslichkeit zu erblicken dank der Gewöhnung an das Lösen, das jedes Fügen, das nunc distans, das jedes nunc stans unterhöhlt. Hieß es bereits in ‚Los des Dichters‘ aus der ‚Stunde des Widders‘ über den Augenblick, da der Künstler mit einem Mal das Segnende zeitigt und Zeitliche segnet, nur Salamander blieben heil „Im Feuer. Wir, aus mürberm Stoff gestaltet, / Vergehn am Göttlichen, das uns durchwaltet“, so beschließt Schilling die zweite von vier Mohn-Sonaten 2017 ebenfalls mit dem Hinweis darauf, dass der Enthusiasmus als Eintritt des Göttlichen die Ekstase als Austritt des Menschlichen bedinge, dass Mohn den Träumer bloß so lange arglos berausche, „bis dunkler Lohe Fittich ihn von innen / Verzehrt und ihn als Asche trägt von hinnen.“ Der nahezu beklemmende Umstand, dass für die Darstellung eines identischen Vorgangs in zwei Dichtungen, zwischen deren Entstehen man getrost vierzig Jahre annehmen darf, jeweils paargereimte Blankverse mit klingenden Kadenzen bemüht werden, mag hierbei dem bitteren Ernst Ausdruck verleihen, in dem Schilling Form als höchsten Sinn nicht nur auffasst, sondern auch handhabt.

Und doch bleiben Sinn und Form genügend deutlich voneinander scheidbar, dass man versichert sein kann, auch dann ‚Im Spiegel der Blitze‘ fündig zu werden, wenn weder Drache noch Einhorn, weder Abend-Aar noch Sonnen-Stier zu den eigenen Steckenpferden zählen. Wem, wo sich Schwerter steilen und Wogen bäumen, Benns spöttelnde Abkanzlung des „seraphischen Tons“ im Ohr klingt und wer seinen Durst eher ohne viel dialektischen Aufhebens in der nächstbesten Kneipe zu stillen pflegt als „Strahlend im rötlichen Feuer des Aldebaran“, für den hält auch dieser neue Band zwar nicht durchweg unverfängliche, aber doch ganz und gar alltägliche Begebnisse fernab von Weltenschlachten und Götterstürzen bereit, außergewöhnlich allein in der Art ihrer Verarbeitung: Die Geräuschkulisse am Weiher etwa im ‚Frosch-Concert‘, für das Martin Mosebach hohes Lob aussprach, oder den Todeskampf einer Fliege ‚Am Netz‘, das dem Anhauch des Dichters trotzt. Der Virtuosität, mit der Schilling hier Unerhebliches wie dort Erhabenes umgarnt, verdankt sich dabei die weitgehende Einhelligkeit, in der selbst inhaltlich Befremdete ihm staunenswerte formale Könnerschaft – und von welcher anderen könnte streng genommen in seinem Metier die Rede sein? – so unumwunden zuerkennen, dass gerechterweise kaum Abschätzigeres über ihn sagbar wäre als dies, was der Basler Geschichtsphilosoph Isaak Iselin einst über den größten Dichter nicht nur seiner Zeit niederschrieb: „Obwohl ich den Gebrauch gar nicht liebe den er davon machet, bewundere ich das Genie dieses Mannes in höchstem Grade.“

Nicht hat das Gewebe
Dein Atem versehrt.
Es hält sich in Schwebe.
Die Fängerin kehrt

Zurück auf die Nabe
Des Rads, das sie spann.
So gönn ihr die Gabe
Und halt nicht mehr an

Den Gang der Geschwinden,
Die flickert und flicht.
Den Zufall, den blinden,
Verspinn ins Gedicht.

Laß walten die Rasche
Und frag dich nicht, wem
Sie band ihre Masche,
Noch, wen ihr Biß lähm.

Gen Elysium

Weder lässt Schilling sich vereinnahmen noch verausgabt er sich wie in frühen Mannesjahren: Zwar findet sich ‚Im Spiegel der Blitze‘ auch ein Gedicht mit dem Namen ‚Sich ermannen‘, doch weist der auf dem Fuß folgende Vers ‚Einmal noch‘ bereits auf die Phase des Übertritts zu einer neuen Wegstrecke hin, die zwar nach wie vor auf hohem Kothurn, aber doch wohl auf leiseren Sohlen bestritten und -schritten sein will: Nicht auf weiten Bahnen, / Nicht in großen Bögen, / Winterlich erahnen / Lasse dein Vermögen.“ Ein Schwenken ins Subtile also, das auf jene Formen deutet, die Schilling in seinen Aphorismen zur Dichtung als dem fortgeschrittenen Alter angemessen aufführt: „Fragmente, Torsi, Orakel-Sprüche – ehern und karg, doch beladen mit allem Vieldeutigen der Übergänge“. Der Lyriker wiederhole in seiner persönlichen Entwicklung die Weltgeschichte der Literatur, durchschreite das Lebens-Alphabet vom Epischen bis zum Rudimentären: „Zum Hymnus komm, zur Ode, / Vom A zum I zum U. / Stimm an als der Rhapsode / Und schließ mit dem Haiku.“ Im Ungefähren dieser nunmehrigen Schwellenzeit hält der 67-jährige zunächst zwecks Bestandsaufnahme inne: „Für das Säkulum / Fehlt dir noch ein Drittel. / Prüfe deine Mittel, / Eh der Spruch verstumm.“ Sodann erlegt er sich innere Einkehr auf zum Binden der Kräfte und Bannen Velozifers: Viel Schlaf ist noch vonnöten, / Bevor du dich besinnst, / Wie du den Abendröten / Ein Goldnes abgewinnst.“ Und schließlich hält er, noch immer hochdekoriert einzig durch ausbleibende Ehrungen des offiziösen Kulturbetriebs, Ausschau in einen Lebensabschnitt, als dessen florales Emblem die winterharte Mistel den herbstreifen Lorbeer verdrängt: „Fern von Rang und Titel, / Fußend auf dem Trumm, / Öffne das Kapitel / Gen Elysium.“

So lass dich entgleiten
Auf schwankender Fähre
Vom Nebel der Zeiten,
Vom Schaum, der vergäre,

Dem Saum zu, der Borte,
Das glückt ohne Mühn –
Wo Lorbeer verdorrte,
Sei Mistel dir grün.

Gewissenhafter noch als inne, Einkehr und Ausschau hält Schilling indes auch ‚Im Spiegel der Blitze‘ seinen Stand, der zugleich Widerstand ist gegen die moderne Welt, Abstand von ihren Schergen und Unterstand vor ihren Schauern: „So rüste dich im Interim, / Von Wäldern abgeschieden, / Zu schützen vor des Winters Grimm / Den Hain der Hesperiden.“ Und: „Halt aus auf dunkler Warte noch, / Wenn schon die Nebel wallen, / So trägst Du die Standarte doch / Durch Holders leere Hallen.“ Dabei wird bereits vagen Kennern sowohl seines Schaffens als auch der Wertschätzung, die das Bild des Harrenden auf verlorenem Posten im Heroischen Realismus genießt, ein Anflug von Koketterie nicht verborgen bleiben: Denn das Dasein als Anarch und Solitär ist – trotz allen Künstlerdrangs zur leidenden Gebärde – eine Tugend, die Schilling nicht erst aus der Not macht. Auch davon kündet ‚Im Spiegel der Blitze‘ ein zunächst unscheinbares Gedicht, das die getriebenen „nochs“ und „dochs“ ins Befriedete wendet, die Doppelbödigkeit aller Dämmer- und Welk-Metaphern für Kulturzyklen und Menschenleben herausstellt: Anhebend mit dem Seufzer „So ging der Sommer hin“ gelangt es zur beklommenen Frage, „Was wäre noch zu sichten, / Worauf der Blick zu richten, / Daß sich ein Lied entspinn?“ Ein Gefühl persönlicher oder kultureller Umschattung, in den anschließenden Versen heraufbeschworen, lichtet das lyrische Ich im Verweis auf die Unerschütterlichkeit des Naturalen – als wollte es verblümt zusichern, dass die grundlegenden Gegebenheiten im vermeintlichen Herbst des Lebens keine anderen seien als in seinem vorgeblichen Mai; dass alle Untergangsfantasien kurzlebiger blieben als das Kraut, in das sie gerade unter Konservativen so üppig schießen:

Doch auf dem Asterstrauch
Noch tummeln sich die Bienen,
Braun-seidig wie im Mai.
Es ist ein Traum, ein Hauch,
Dem bis zuletzt zu dienen
Dir aufgegeben sei.

Schilling führt und fügt sich, da er Verfinsterungen anderer Art dem Vegetativen gegenüber als Stürme in der Schöpfkelle erscheinen lässt, ein in vornehmste Gesellschaft: Nicht anders klärt Goethe in der ‚Marienbader Elegie‘ die biographische Eintrübung der verschmähten Liebe auf: „Ist denn die Welt nicht übrig, Felsenwände, / Sind sie nicht mehr gekrönt von heiligen Schatten? / Die Ernte, reift sie nicht? Ein grün Gelände, / Zieht sich’s nicht hin am Fluss durch Busch und Matten?“ Schiller indessen nimmt auf diesem Wege in ‚Der Spaziergang‘ Kulturpessimisten ihren Wind aus den Segeln statt die seinigen zu streichen: „Unter demselben Blau, über dem nämlichen Grün, / Wandeln die nahen und wandeln vereint die fernen Geschlechter, / Und die Sonne Homers, siehe! Sie lächelt auch uns.“ Nicht zuletzt aus gelegentlichem Rückbezug auf Unverrückbares, auf das organische Hand in Hand von Statik und Dynamik, speist sich Schillings Argwohn beiden gegenüber, der kurzatmigen Apokalyptik zur Rechten wie der freilich noch um ein Vielfaches trostloseren Ödnis des Posthistoire zur Linken: Wo alle Welt längst entschieden mutlos oder mutwillig unentschieden geworden scheint, macht er sich als Geschichtsdeuter weder fatale Gleich- noch fatalistische Letztgültigkeit zu eigen: „Wer sein Wort vermischt / Mit dem Spruch der Kläger“, ließ er bereits 1995 im Band ‚Feuerlilie‘ verlauten, den man nach Jüngers Tod auf dessen Schreibtisch vorfand, „Gleicht zuletzt dem Jäger, / Dem das Wild entwischt.“ 2017, in ‚Sänger und Seher‘, erneuert er die Abgrenzung zu Zeitgenossen, die über Mayas Faltenwürfen den Blick für das Wesentliche einbüßen: „Wer dem Schleier-Werk verflicht / Seinen Glanz und sein Behagen, / Mag entfalten und verklagen, / Was ihm blüht, was ihm gebricht.“ Ein Blick, den der Dichter ebenso für sich in Anspruch nimmt wie den archimedischen Standpunkt, dem er im Folgenden eine maßgeschneiderte Losung zugesellt: „Doch der Künder, wenn er spricht, / Aus des Tagtraums Überragen, / Hat der Welt nur eins zu sagen: / ‚Störe meine Kreise nicht.‘“ Und sollte die Welt selbst solche bescheidenen Wünsche noch ähnlich dreist missachten wie der römische Soldat den letzten des Archimedes, so dürfte Schilling sich davon mitnichten vergleichbar niedergeschlagen zeigen wie dieser von jenem, sondern auch weiterhin unbeirrt darin, das ihm Aufgegebene anzugehen:

Mag Sturm dich umtosen,
Mag Strom dich umwogen,
Du hast von den Losen
Das beste gezogen.

Ein Lied ist zu singen.
Ein Blatt ist zu wenden.
Auf Ariel-Schwingen

Ersteh aus den Bränden.
Du darfst es vollbringen.
Du wirst es vollenden.

Werden andernorts im vorliegenden Band semantische Einheiten über ganze Gedichte gestreckt, so zwingt Schilling in ‚Hermetisch II‘ fünf Sätze in sechs Verse, sodass Ungeneigte den parataktischen Terzinen durchaus Abgehaktes, böseren Willens auch Krampfiges anlasten könnten. Es wäre eine Unterstellung, die auch Schilling selbst schon keinem Geringeren als George gegenüber aussprach, dessen spröde, unbiegsame Lyrik er im Essay ‚Ein unzeitgemäßer Dichter‘ mit einer unbeugsamen Haltung verschränkte: „Manchmal stolperte er auf seinem Weg, raffte sich auf und schritt, den Schmerz nicht achtend, weiter, ein wenig eckig in den Bewegungen, nicht wissend woher noch wohin, dennoch sein Werk vollbringend im Sinn des Rilke-Wortes „Wer spricht von Siegen? / Überstehn ist alles.“ Eckig könnte hier auf den ersten Blick auch Schillings Gang anmuten, doch lässt ‚Im Spiegel der Blitze‘ als Ganzes auf jeden weiteren keinen Zweifel daran, dass man dieses Stocken nicht als Stolpern missdeuten, sondern als flüchtige Schulterblicke am Scheideweg begreifen sollte, als letztes Zurren am Kopfschutz vor dem Ersteigen eisigster Firste: „Binde fester den Helm: / Was auch erglänz und entglitte, / Dein ist das Maß und die Mitte. / Wenn dich ein Rüffler bestritte, / Setz anderthalb auf den Schelm – / Binde fester den Helm.“

Dorthin oder Nirgendhin

Ob Erfolg seine künftigen Gipfelstürme krönen wird, könnte Schilling allerdings gleicher gelten als man gemeinhin annehmen sollte: Für ihn wiegt nicht nur die eigene Maxime schwer, Verheißungen seien mächtiger als Erfüllungen, sondern auch das Nietzsche-Wort aus ‚Menschliches, Allzumenschliches‘, wonach der Triumph nicht immer erst im Siegen liege, „sondern mitunter schon beim Siegen-Wollen.“ Dort wird im Weiteren unterschieden zwischen Selbstüberwindern und weniger solipsistischen, als „dyspeptisch“ benannten Naturen: „Sie suchen unwillkürlich mit ihrem Ärger auch dem Leser Verdruss zu machen und so eine Gewalt über ihn auszuüben, das heißt: auch sie wollen siegen, aber über andere“. Als Werk eines Angehörigen des ersten Typus verhandelt auch ‚Im Spiegel der Blitze‘ den Entschluss zum Siegen-Wollen als eigentlichen Durchbruch: „Wenn alle Sterne plötzlich greifbar werden, / Mag dir geschehn, daß Schwindel dich befällt, / Und du dich lieber festgefügt auf Erden / Erhieltest als dich schwängst in jene Welt.“ Indem er, nicht ohne die Selbsterhaltung in den Irrealis zu verbannen und somit neuerlich das Zentrum der Poesie auszuschildern, Auftakt eher als Ausklang ins Gewicht fallen lässt, steht Schilling abermals an der Seite Jüngers, der die kanalisierte „Bewegung im Gange“ ihrer Ausläufer ungeachtet zu schätzen wusste, wie auch Wagners, der im „Treiben einer Sache um ihrer selbst willen“ gar den Inbegriff des Deutschen ausmachte. Gültigste Gestalt mag dieses entelechische Denken – ob deutsch oder nicht – im Epitaph des Phaeton angenommen haben, mit dem jedoch das Schicksal jedes nur vorläufig Gescheiterten überschrieben werden könnte, jedes nicht als Wäger Abgetretenen aus Zeit und Ewigkeit von Ikarus bis Stauffenberg: „Er starb als einer, der Großes gewagt hatte“. Wenn Alexander von Stauffenberg den 20. Juli als „tag undeutbar dunklen fluchs“ besingt, Träger „des lezten rettenden versuchs“, so ist die Lesart, hier werde eine bloß versuchte Rettung zur Sprache gebracht, zwar zulässig, doch legt das präsentische Partizip eine Deutung näher, der zufolge sich die Rettung – zumindest jene vor der Geschichte – bereits durch ihren Versuch und in ihm wirksam vollzogen haben dürfte.

Zügler, bald schon zügellos:
Eh den Stab der Götterbote
Senkt, bist du der Gold-umlohte
Flügler in den Schattenschoß.

Rager, Sagenglanz-verklärt:
Flammend in der Todeslohe
Bleibst du doch der Sonnen-hohe
Wager, der die Träume nährt.

Würzer bittersüßen Tranks:
Durch die Zeiten, durch die Räume
Stürzer über Wolkensäume
In die Krallen des Gesangs.

Denn besser, mit Aaren / Zerschmettern am Fels“, hatte Schilling früh schon seine Neigung zu großformatigem Ruin bekannt, „Als Kiebitze scharen / Zu feilem Gestelz.“ ‚Wager‘ und ‚Wäger‘ wiederum, die Namen zweier Skulpturen für den Runden Saal der Neuen Reichskanzlei, bronzener Allegorien auf vita activa und vita contemplativa, weisen erneut auf Breker als eine jener maßgeblichen Referenz- wie Reverenzfiguren, die es mit dem Zerschmettern weniger eilig zu haben schienen als Ikarus oder Phaeton: „Wer mit mir Freundschaft hält, wird sehr alt“, vertraute Schilling zu einem Zeitpunkt seinem Traum- und Tagebuch an, da die prägekräftige Troika Jünger-Breker-Riefenstahl bereits mehr als 270 Jahre überblickte und noch 22 weitere unter sich aufzuteilen hatte. Statt beruhigt auf dem Faulbett brachte man selbst das Greisenalter durchweg umwogt und umtost zu, wahlweise auf Tauchgängen in der Karibik oder in Malaysia beim Wiedersehen mit Halley. Das Ziel vor Augen, die eigene Höhe ähnlich eisern zu halten, doch der Möglichkeit des ‚Nirgendhin‘, des vorzeitigen Überfalls durch die Götter also, allzeit inne, wandelt Schilling einstweilen auf der Sonnenseite des Parnass – als Wegweiser den Eisvogel zur Seite, dessen Gefieder am Bach in ebenjenen Farben schimmert, die bereits den Horizont Homers absteckten. Eine französische unter den zahlreichen Legenden zum Halkyon besagt, er sei – von Noah nach der Taube ausgesandt – in einen Sturm geraten, habe darauf die Arche nicht wiedergefunden und durchmesse bis zur Stunde suchend die Himmel. Bliebe nur zu wünschen, dass Schilling, wenn er diesen rara avis zum Lehrmeister wählt, auch der eigenen Heimkehr nach dem Vorbild des spät erloschenen Dreigestirns lange noch im Dienste und Sinne dessen auszuweichen versteht, was nicht alle Tage glückt.

Sieh die Schlangenkönigin,
Wo die Lilien schwanken:
Dorthin oder nirgendhin
Magst du dich noch ranken.

Wie aus Weihern, die vereist,
Born des Lebens flute,
Lern vom Leichten, der da gleißt
Auf der Weidenrute.

Aus dem Glanz des Halkyon,
Blau und emeralden,
Trage du den Traum davon
Für die Nacht des Skalden.

Wenn aus dir die Stimme tönt
Sanft und ohne Schwere,
Mit den Schatten ausgesöhnt
Heim nach Norden kehre.

Friedrich Hechelmann: Eisvogel.

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