An Nietzsche – zum 175. Geburtstag

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Heute vor 175 Jahren wurde der wohl radikalste aller deutschen Philosophen in Röcken geboren. Ein ganz persönlicher Geburtstagsgruß.

Es war Deine Stimme, derer ich bedurft hatte, Freund, Voraus-Seher! War ich nicht voll der falschen Sattheit, waren nicht falsche Sicherheiten mein Faulbett geworden? Und da lag ich und litt an meinem Alleinsein. Das Leiden war meine Wollust geworden. Ich konnte nicht ohne die Menschen sein, aber auch nicht unter ihnen.

Ich hatte es aufgegeben, den eisigen Pfad der Gebirge zu beschreiten, voll der Zweifel – an mir! Der Schmerz des Alleinseins hatte mich mürbe und weich gemacht, und ich hatte mich niedergelegt. Ich hielt meine Müdigkeit für Behaglichkeit und die nur schwach noch brennende Flamme meiner Seele für ein Herdfeuer.

Voll war ich der Selbsttäuschungen, mein Auge verschattet, denn es hielt den Blick in die Tiefe nicht mehr aus. Auch das Tanzen auf den Höhen hatte ich verlernt. Aus den Brunnen blickten mich nur noch die Augen meiner Ängste an, und vor den Adlern des Gebirges beugte ich den Nacken, ängstlich mich duckend.

Ich hatte in Selbsthass meine Tatzen zerkratzt und schämte mich ihrer, gerade unter den Glacéhandschuhen, die sie verbergen sollten. Mein Stolz schickte sich schlecht in die Unterwürfigkeit und Freundlichkeit – wie ein störrischer Esel, wie ein fauchender, dressierter Tiger, aber nicht wie ein gewandter Aal.

Ja, sie beneidete ich, die Aale, die sich überall hindurchwinden, allen freundlich scheinen und nirgends anecken. Sie beneidete ich, auch wenn derjenige, der nach ihnen greift, vor ihrer Kälte und Glattheit erschrickt.

Es war Deine Stimme, derer ich bedurft hatte, Freund! Nicht schmeichelnd und freundlich redest Du zu mir, nein, mit dem Hammer zerschlägst Du meine Zweifel – an mir! Wie mich nach dieser Erschütterung verlangt hat! Wie mein Faulbett zuschanden geht! Wie meine Krallen die Glacéhandschuhe zerschneiden, wie der Esel Sprünge vollführt und laut sein Schreien erschallen lässt! Wie der dressierte Tiger seine Fesseln zerreißt und wild fauchend den Dompteur verjagt!

Wenn das Feuer meiner Seele neu aufflammte, so war es dank Deiner Hammerschläge und dank der Lava der Erde, die aus einer Wunde hervorsprudelte. Wenn ich neu tanzen lernte, so nach dem Rhythmus Deiner Schläge, und wie jemand, den man ins Wasser geworfen hat, obwohl er nicht schwimmen kann. Ich tanzte unbeholfen und wild, aber von neuem erfassten mich Stolz und Selbstsicherheit wie einen schlaffen Baum der Sturm. Gemildert hast Du den Schmerz meines Alleinseins und ihn in den Stolz des einsamen Wanderers verwandelt.

Ja, ich weiß nun, dass wir eines Geschlechtes sind und uns über die Jahrhunderte hinweg die Hand reichen können. Wir teilen Ekel, Schmerz und Verachtung. Wir teilen selbst unsere Einsamkeit! Wir haben einander erkannt, Voraus-Seher!

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