Am dunklen Grund der Ewigkeit — Jubiläums-Tusch auf George

Als Hans Norbert Fügen 1968 um Einsicht in das Stuttgarter Stefan-George-Archiv ansuchte, beschied Robert Boehringer, greiser Erbe des Dichters, die Bitte des Heidelberger Soziologen abschlägig. Dabei konnte seine Begründung, so knapp sie gehalten war, Anspruch erheben, nicht nur aus dem Geist, sondern sogar aus dem Buchstaben von Georges Werk erbracht worden zu sein: Den Gegenständen der Soziologie, so Boehringer an Fügen, „sozialer Herkunft, Ausbildung und Familienstand“, habe der Tote zeitlebens nur geringe Bedeutung beigemessen: „Ich erinnere an das Gedicht im ‚Stern des Bundes‘, S. 83. Deshalb bedaure ich, Ihrem Wunsche nicht entsprechen zu können.“

Im ‚Stern des Bundes‘, von dem die Vorrede vermerkt, er sei ausschließlich „für die freunde des engern bezirks“ bestimmt gewesen und nur deshalb publiziert worden, weil die Öffentlichkeit inzwischen den besten Schutz für alles Geheime bedeute, hatte George in exakt tausend, meist reimlosen Versen sein pädagogisches Konzept kodifiziert. Auf der angeführten 83. Seite, die Fügen nach Erhalt des Antwortschreibens neugierig aufgeblättert haben dürfte, findet sich ein ebenso bündiges wie programmatisches Gedicht, als dessen Leser man die Tore zur Außenwelt bereits mit dem ersten Satz förmlich ins Schloss fallen hört: „Dies ist reich des geistes.“

Im Folgenden umreißt George das Wesen seines metaphorisch-metaphysischen Arkanstaates, an dessen Grenzübergang als zentrales Integrationsmerkmal das Kappen aller naturhaften Bande steht: „Neugestaltet umgeboren Wird hier jeder: ort der wiege Heimat bleibt ein märchenklang.“ Bürgerlichen Verbindlichkeiten, aber auch den überkommenen Hierarchien des Blutadels entfremdet und überhoben, sollten hier „seltne sprossen eignen ranges“ zu neuer Majestät geformt werden. Beim Passieren der Schwelle wurden „sippe stand und namen“ getauscht: Max Kommerell rief man „Maxim“, der Germanist Rudolf Fahrner wurde nach einer Figur von Karl May „Effendi“ genannt und der Historiker Ernst Kantorowicz wusste sich angesprochen, wenn vom „Chevalier“ die Rede ging. Verwundern muss hierbei, dass der radikale Bruch mit jeder Bluts- zu Gunsten von Wahl- und Geistesverwandtschaft vom selben George eingefordert und ausgerufen wird, der die ‚Fibel‘, eine nachträglich veröffentlichte Sammlung frühster Gedichte, 1901 seinen leiblichen Eltern „als schwachen dankes-abtrag“ zugeeignet hatte. Und auch die entschiedene Frontstellung zu Schlichtheit und Philistertum, zur „menge drunten“, wird von keinem anderen George als jenem bezogen, der am 19. April 1899 eine Seance der Münchner Kosmiker fluchtartig auf der Suche nach dem verlassen hatte, was Thomas Mann im Tonio Kröger die „Wonnen der Gewöhnlichkeit“ nannte.

Kosmische Runde (Wolfskehl, Schuler, Klages, George, Verwey)

An diesem Abend führte Alfred Schuler, eine kentaurische Gestalt aus Genie und Scharlatan, das große Wort von Blutleuchte und Weltwende: Umwallt und umrankt von Weihrauch und Lorbeer las er, der sich als wiedergeborener Römer der späten Kaiserzeit begriff, Auszüge „seiner stärksten Fragmente“, wie der Philosoph Ludwig Klages berichtet: Als Schulers Stimme, „zu immer mächtigerem Pathos fortgerissen“, durch den spärlich beleuchteten Raum schallte, sei es selbst dem wahnerprobten George unbehaglich geworden: „Führen sie mich fort“, habe der Dichter gedrängt, „führen Sie mich in ein Wirtshaus, wo ganz gewöhnliche Menschen Zigarren rauchen und Bier trinken.“ Obschon die Historizität dieser Episode nicht letztgültig verbürgt ist, so lässt sie doch eine unbestreitbare Entwicklung anschaulich werden: Georges Weg von der Kunst in die Welt. Hatte ein Gedicht im ‚Jahr der Seele‘ von 1897 noch mit dem Vers „Zu meinen träumen floh ich vor dem volke“ angehobenso deutet sich bereits wenige Jahre später eine gegenläufige Bewegung an – nicht jedoch die Flucht vor den Träumen zum Volk, sondern mit ihnen und dem verstiegenen Anspruch, in geschichtliche Wirkmacht umzumünzen, was bisher parabolische Bildgewalt gewesen war.

Hellsicht und Ohnmacht

Vom katholischen Traditionalisten Nicolás Gómez Dávila, der dem Typus des Reaktionärs Profil verlieh, stammt das Bonmot, wonach die politische Theorie von gestern noch Disput im Bahnhof gewesen sei, wohingegen es sich bei der heutigen um Kolloquien im Zug handle: Wenn der gewöhnliche Ewiggestrige also einer Zeit nachhängt, da manche Weiche noch ungestellt und die Fahrtrichtung diskutabel schien, so müsste der Begriff des Reaktionärs für George, der als erklärter Todfeind aller Verhandelbarkeit schon im Bahnhof Reißaus genommen hätte, eigentlich noch eine Steigerung erfahren: „Ich bin freund und führer dir und ferge“, schwört der Dichter zur Jahrhundertwende sein imaginäres Gegenüber auf sich einNicht mehr mitzustreiten ziemt dir nun / Auch nicht mit den weisen · hoch vom berge / Sollst du schaun, wie sie im Tale tun. Schon in seiner frühsten programmatischen Äußerung, im Vorwort zur ersten Ausgabe der ‚Blätter für die Kunst‘, hatte er versichert, „jeder fehde abgeneigt“ zu sein, einzig selbstgenügsamer Schöpfung verschrieben, unbehelligt von „weltverbesserungen und allbeglückungsträumen.“ Zu wenig greifbar dürften dem 24-jährigen die letzten historischen Manifestationen seiner Gedankenwelt – Priesterkönigtümer etwa oder antike Mysterienkulte – erschienen sein, um das Wagnis einzugehen, seine Herrschaft anderswo als im sicheren Schutz des Gleichnisses anzutreten.

Ihr alten bilder schlummert mit den toten“, wird 1891 in der zweiten Gedichtsammlung, den ‚Pilgerfahrten‘, desillusioniert befunden, „Euch zu erwecken mangelt mir die macht.“ Durch alles Sinnen und Sehnen des „Sterneguckers“, wie Binger Gleichaltrige den immerzu ins Vertikale strebenden, eigenbrötlerischen Jungen früh schon halb abschätzig, halb ehrfürchtig nennen, zieht sich die schmerzliche Ahnung von vergessenem Herrschaftswissen und verlorenen Paradiesen, stets begleitet vom bitteren Lamento über das eigene Unvermögen, tragfähige Brücken in die weit entrückte „sagenferne“ zu schlagen. Hellsicht und Ohnmacht, nach Gómez Dávila die maßgeblichen Eigenschaften des Reaktionärs, mögen auch George die Feder geführt haben, als er die Welt, wie er sie vorfand, einer lange erloschenen Glut verglich, der man bereits seit geraumer Zeit mit rührendem Bemühen einen letzten Gnadenfunken zu entlocken versuche: „Ihr tauchtet in die aschen / Die bleichen finger ein / Mit suchen tasten haschen – / Wird es noch einmal schein!“ Diese Hoffnung, wie sie im Umkreis einer konservativen Revolution zu verorten gewesen wäre, trägt der junge Dichter formvollendet zu Grabe: „Seht, was mit trostgeberde / Der mond euch rät: / Tretet weg vom herde · / Es ist worden spät.“ Als Herr der Gezeiten verweist der Mond auf das zyklische Prinzip auch der Kulturgeschichte und somit letztlich darauf, dass Erfüllung einem Zeitalter beschieden sein, nicht aber von ihm erwirkt werden kann.

Indem George sich zunächst unempfänglich gibt für jede außerpoetische Naherwartung, rückt er naturgemäß ins Fadenkreuz derer, denen Erfüllung als erwirkbar und das Wegtreten vom Herde als Fahnenflucht im Kampf um die Realisierung ihrer „allbeglückungsträume“ gilt: „Viele Dichter“, so heißt es süffisant in Brechts Schrift über ‚Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit‘, „gleichen Malern, die die Innenwände untergehender Schiffe mit Stilleben bedecken. Unbeirrbar durch die Mächtigen, aber auch durch die Schreie der Vergewaltigten nicht beirrt, pinseln sie ihre Bilder.“ Tatsächlich darf man sich den George der ästhetizistischen Phase, den Flüchtling vor der Welt in die Kunst, wie Archimedes im brennenden Syrakus vorstellen: stille Kreise ziehend in solipsistischer Verkapselung, wissend um die Aussichtslosigkeit alles Absichtsvollen: Wer als Dichter noch von der Sucht ergriffen sei, „etwas ‚sagen‘ oder ‚wirken‘ zu wollen“, hatte er 1894 in seinem aphoristischen Abriss ‚Über Dichtung‘ dekretiert, sei nicht einmal würdig, auch nur den Vorhof der Kunst zu betreten.

Die von Brecht karikierte Herangehensweise, das teilnahmslose ‚Nach mir die Sintflut‘ zum befeuernden ‚Um mich die Sintflut‘ zu steigern, belegt Stefan Breuer in seiner verdienstvollen Studie über den George-Kreis mit der Formel des ästhetischen Fundamentalismus: Aus der Perspektive totalitären Künstlertums bezieht jeder Gegenstand der Sinnenwelt, vom Luxusgut bis herab zum Nutzartikel, seine Daseinsberechtigung einzig aus der Möglichkeit, in die Künste ein- und in ihnen aufzugehen. George exerziert diese Haltung am Beispiel des Renaissance-Meisters Fra Angelico vor, indem er den Florentiner als Jäger und Sammler darstellt, dem bei seiner Arbeit am Gemälde ‚Krönung Mariens‘ die Erdoberfläche zur Farbpalette wird: „Er nahm das gold von heiligen pokalen · / Zu hellem haar das reife weizenstroh · / Das rosa kindern die mit schiefer malen · / Der wäscherin am bach den indigo.“ Mochte die Entzauberung der äußeren Welt, wie Max Weber sie in seiner Epoche machenden Schrift konstatiert hatte, auch täglich weiter um sich greifen: In seinem hermetisch abgedichteten Gegenkosmos, wo einzelne Realien noch immer zaubrisch collagiert wurden, fand George Halt und hielt er stand. Erst, indem er seine Welt nicht mehr konsequent auf die Kunst ausrichtet, sondern seine Kunst zusehends auf die Welt, wird er vom Reaktionär zum Revolutionär.

Fra Angelico: Marienkrönung

Sense und Florett

Als Vermassung und Mechanisierung, Rationalismus und Relativismus bereits bedrohlich an der magischen Substanz gezehrt hatten, war es 1910 an Karl Wolfskehl, einem der ältesten Freunde und Förderer Georges, das Gebot der Stunde zu finden: „Denn jetzt in der letzten Not müssen wir selber das Wunder werden.“ Diesem Anspruch wird einerseits Genüge getan durch die Erweiterung und Institutionalisierung des bereits vorhandenen messianischen Elements in der Verehrung Georges als Meister und Seher. Andererseits teilt man, um äußere Wirkung zu forcieren, Zeit und Arbeitskraft nun insofern auf, als nicht mehr bloß der symbolistische hortus conclusus, sondern auch weltanschauliche Schlachtfelder bestellt werden. Publizistischen Niederschlag findet das Betreten des Kampfgeländes im ‚Jahrbuch für die geistige Bewegung‘, das ab 1910 erscheint und dessen Beiträger sich – ganz im Unterschied zu denen der ‚Blätter für die Kunst‘ – mancher Fehde zugeneigt zeigen: technische Moderne, materialistische Entseelung und instinktloser Intellektualismus werden in geharnischten Pamphleten befochten. Und selbst in die Dichtung mischen sich nun zeitkritische Töne: Etwa, wenn George, der sich einst jede Parteinahme versagt hatte, plötzlich als Advokat der Voraufklärung posiert: „Die ihr die wilden dunklen zeiten nennt / In eurer lughaft freien milden klugen: / Sie wollten doch durch grausen marter mord / Durch fratze wahn und irrtum hin zum gott.

Wer allerdings dieses bizarre Nebeneinander von gespreiztem Ästhetizismus und handfestem Kulturkampf als Abweg auffasst, auf den erst der spätere, von den Wirren seiner bewegten Zeit zermürbte George geraten sei, dürfte darin seinerseits fehlgehen: Schon der Name einer Schülerzeitung, die der 18-Jährige am Darmstädter Ludwig-Georgs-Gymnasium ins Leben gerufen hatte, ‚Rosen und Disteln‘, weist ihren Gründer als Beidhänder aus: Zur Rechten die ziselierte Klinge des poetischen Floretts, zur Linken die grobe Sense der Kultur- und Gesellschaftskritik; hier Rosen als Sinnbild des Idealischen, dort Disteln als Emblem des Ideologischen. Und doch verstrickt sich George, wenn man nach Gómez Dávila dem Reaktionär Fatalismus und dem Revolutionär Machbarkeitsdünkel als eingeborene Wesenszüge zuschreibt, spätestens ab 1907 in Selbstwidersprüche: Denn wiewohl er das Schiff, in dem er einst weltverloren Stilleben gepinselt hatte und zu dessen Steuer er nun „in der letzten Not“ doch noch emporsteigt, auf antimodernen Kurs zu bringen versucht, so tritt er dazu doch unter der denkbar modernsten Prämisse an: Im festen Glauben nämlich an seine Lenkbarkeit.

Ursprünge im Schilf-Palast

Stellt man zwei Gedichte der Jahre 1891 und 1892, jeweils ‚Mein Garten‘ betitelt, von George und Hofmannsthal einander gegenüber, so fällt als Gemeinsames zunächst die Absetzbewegung vom naturalistischen Trend des ausgehenden 19. Jahrhunderts ins Auge. Während aber Hofmannsthal seinen Garten, geschmückt mit „Diamantentau“ und durchzogen von „Topasmäandern“, gleichsam unter einer Kristall-Voliere versiegelt, Organisches zu Gunsten des Apollinischen ausschließt, fällt Georges Absage an das Gewachsene um einiges morbider aus: „ein grauer schein aus verborgener höhle“ trügt das natürliche Zeitgefühl und das Blau der romantischen Blume, der einst Novalis und Eichendorff nachgespürt hatten, ist längst einer schwärzlichen Färbung gewichen. Zum Trennenden zählt weiterhin, dass Hofmannsthal seine Vision mit der Erinnerung an einen früheren, herkömmlichen Garten beschließt, während bei George allfällige Vorstufen der eigenen Schöpfung vollständig getilgt werden: Schon in der Einbildung des Jungen, der in seinem Schilfpalast am Nahe-Ufer „für die dinge eigne namen“ fand, hatte am Anbeginn der Welt nicht das Wort als solches gestanden, sondern seines. Später feiert der Jüngling den blutrünstigen Kindkaiser Elagabal als unumschränkten Herrscher selbst über die Naturgesetze in Reichen, „Wo ausser dem seinen kein wille schaltet / Und wo er dem wind und dem wetter gebeut.“

Nahe-Ufer bei Bingen

In den fünfzehn Jahren, die nach dem ‚Algabal‘, nach reich ornamentiertem Lobpreis auf Exzess und Sadismus ins Land gehen, wird George eine schrittweise Wendung ins Moralische vollziehen und ein politisches Sendungsbewusstsein entwickeln, das sich im ‚Siebenten Ring‘ erstmals breitere Bahnen bricht: Anspruchsdenken der Umwelt gegenüber, einst ausgiebig zelebriert, geißelt er nun im Gestus des Asketen: Mit ‚Verführer‘ sind Worte überschrieben, die den Herolden der aufstrebenden Agrochemie in den Mund gelegt werden, der das Haber-Bosch-Verfahren zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Durchbruch in der Herstellung künstlicher Düngemittel beschert: „‘Streut diesen sand und zweimal könnt ihr keltern / Und dreschen und das vieh ist doppelt melk.‘“ Doch der wohlfeile Überlegenheitsaffekt früheren Generationen gegenüber, den die industrielle Weltbemächtigung nach sich zieht, hinterlässt auf lange Frist einen schalen Beigeschmack: „Nun schwelgt und spottet eurer kargen eltern‘ / Doch übers jahr bleibt alles brach und welk.“ Es sind Bekenntnisse zur Bescheidung, wie sie der geläuterte George nun ablegt, die im Zenit von Zivilisationsmüdigkeit und Lebensreform breiteren Widerhall finden als noch wenige Jahre zuvor seine symbolistischen Erstlinge. Doch bezeugen Verse, die 1917 im Angesicht der Kriegsverwerfungen entstehen, dass der Dichter sich zwar allmählich von der Maßlosigkeit Elagabals, nie aber vom Menschenbild des berüchtigten Imperators loszusagen bereit war: „Weit minder wundert es dass soviel sterben / Als dass soviel zu leben wagt.“

Wandern zwischen Kunst und Welt

Der Hinwendung zum Urwüchsigen, zur „einfachheit missnannt einfältigkeit“, entspricht eine Erdung auch im Lebenswandel Georges: Hatte er, dessen kulturgeographische Orientierung Ernst Jünger als „meridional“ bestimmte, in den ersten Jahren nach dem Abitur noch halb Europa bereist und gar die Auswanderung nach Mexiko erwogen, wird er in seiner zweiten Lebenshälfte den deutschen Sprachraum nur noch selten verlassen. War er vor der Jahrhundertwende als Dandy mit viereckigem Monokel und bunten Krawatten durch Münchens Salons flaniert, so wird ihm schon bald ein spartanischeres, entfernt an liturgische Gewänder erinnerndes Ornat zum Erkennungszeichen. Stilistisch wird die Tendenz zur Reduktion etwa in herben Stakkati der Verkündigung greifbar, zu denen die verschlungenen Hypotaxen nun immer häufiger verschlankt werden: „Gottes Band hat uns umschlossen / Gottes blitz hat uns durchglüht / Gottes heil ist uns ergossen / Gottes glück ist uns erblüht.“ Auch in der Wahl seiner Referenzfiguren beginnt George tiefer zu stapeln: War der ‚Algabal‘ noch dem Andenken des bayerischen Märchenkönigs gewidmet, so entsteigt 1917 in ‚Der Krieg‘ Generalfeldmarschall von Hindenburg als „schmuckloser greis“ seinem „farblosen vororthaus“, um Schlimmeres zu verhüten.

Als ebendieser Greis, inzwischen zum Reichspräsidenten gewählt, George respektvoll zum 60. Geburtstag gratuliert, bedankt sich der Dichter noch artig. Goebbels hingegen wird keiner Antwort mehr gewürdigt, als er fünf Jahre später von Seiten des neuen Staates seine Glückwünsche an den illustren Jubilar übermittelt. Unterdessen ist der Umschmeichelte durch zielsichere Selbstinszenierung und üppige Legendenbildung zu einer immer sagenhafteren Gestalt geworden, deren Todesnachricht den jungen Dolf Sternberger vor allem deshalb erschüttert, weil erst sie ihm als Beweis dafür gilt, dass jener Stefan George, von dem man längst wie von Thule oder Troja sprach, tatsächlich gelebt haben musste. „Niemand würde sich wundern“, befand Franz Dülberg 1928 über die auratische, aber als solche vertraut gewordene Erscheinung des Lyrikers, „wenn er noch heute auf weißem Pferde durch das Brandenburger Tor einritte.“ Was von Wolfskehl einst als Ziel ausgegeben worden war, schien eingelöst: In dürftiger Zeit war George – auch in den Augen der Öffentlichkeit – aus eigener Kraft zum Wunder geworden und bekleidete nun endgültig einen Rang, für dessen Insignien er schon als Kind Vorbereitungen getroffen hatte: „Du warst erkoren schon als du zum throne / In deiner väterlichen gärten kies / Nach edlen steinen suchtest und zur krone / In deren glanz dein haupt sich glücklich pries.

Berthold und Claus von Stauffenberg

Unter Sternbergers Generationsgenossen, die sich von der Leibhaftigkeit des Dichters noch selbst überzeugen konnten, waren auch die Brüder Alexander, Berthold und Claus von Stauffenberg, deren klingender Name dem ohnehin wenig zufallsgläubigen George ausgerechnet in einem Moment zu Ohren dringt, da sein Anhänger Ernst Kantorowicz mit einem Buchprojekt zu Friedrich II. von Hohenstaufen befasst ist. Über die Faszination, die er auf die Brüder ausgeübt haben muss, geben Alexanders Verse aus dem Zyklus ‚Der Tod des Meisters‘ Aufschluss: Nachdem man bei Locarno am Sarg des Dichters die Totenwache gehalten hatte, nahm Schweizer Erde „fürderhin den hort in heilige hut. Und scheidend wussten wir: in unserm leben / Ein jeder atemzug und schmerzlich beben / Bleibt dienst an diesem grab mit geist und blut.“ Vor allem Claus, der bereits in einer schulischen Theater-Produktion von Schillers ‚Wilhelm Tell‘ den Freiheitskämpfer Stauffacher verkörpert hatte, fiebert auch abseits der Bühne Bewährungsproben entgegen. Mit ‚Abendland II‘ überschreibt der 16-Jährige die folgenden Verse: „Ich wühle gern in alter helden sagen / Und fühle mich verwandt so hehrem tun.“ Ein Jahr später spricht er in einem Brief an George von der geschichtlichen Stunde, die zu solchem Tun „in der grösse ihrer erscheinung das zeichen gebe.“

Über die Reichsgründung als einen dieser Momente hatte Bismarck 1894 rückblickend erklärt, die Masse der deutschen Einigkeit sei „flüssig und gussbereit“ gewesen. Dasselbe Bild bemüht kurz darauf auch George für historische Kairoi nach bleierner Zeit: „Es sanken haupt und hand der müden werker / Der stoff ward ungefüge spröd und kalt, / Da – ohne wunsch und zeichen – bricht im kerker / Ein streif wie schieres silber durch den spalt.“ Als sich der Silberstreif des 20. Juli 1944 abzuzeichnen beginnt, leistet Stauffenberg gemeinsam mit seinem Bruder Berthold einen Schwur, der bis ins Stilistische hinein getränkt ist von Georgescher Essenz: „Wir wollen ein Volk, das in der Erde der Heimat verwurzelt den natürlichen Mächten nahe bleibt, das im Wirken in den gegebenen Lebenskreisen sein Glück und sein Genüge findet.“ Doch folge er nicht Ideen, hatte Claus selbst schon 1923 seinem Schulfreund Karl Schefold gegenüber bekannt, sondern Menschen. Nimmt man den jüngsten der Brüder bei diesem Wort, dann kann kein Zweifel daran bestehen, dass seine Tat sich nicht, wie egalitaristisch bewegte Historiker bis heute zu suggerieren versuchen, in Sachzwängen oder Opportunismus erschöpfte, sondern dass sie als letzter und einsamer Höhepunkt gelten darf von Georges langer Flucht zurück in die Welt.

Wortzweifel und Wortvertrauen

Fast beiläufig prägt George einem Brief an Sabine Lepsius vom April 1905 das bekannt gewordene Wort vom „klaffenden abstand zwischen unserem säglichen Wort und unserem unsäglichen Herzen.“ Aus der Feder jemandes, der bereits als Kind mit Geheimsprachen experimentiert hatte und später Dichtungen aus immerhin sieben verschiedenen Literaturen ins Deutsche übertrug, mutet dieses Eingeständnis überraschend defätistisch an. Doch auch Friedrich Wolters, einer der fanatischsten Jünger, dem sein missionarischer Eifer den Spottnamen „Paulus des George-Kreises“ eintrug, hebt noch in seiner monumentalen ‘Geschichte der Blätter für die Kunst’ den tiefen Zwiespalt hervor, den der junge Dichter „zwischen grossgefühltem innerem Bild” und der Unfähigkeit wahrnahm, es sprachlich angemessen zu fixieren. Wie Walter Benjamin das vollendete Werk als Totenmaske der Konzeption verstanden wissen wollte, als fahles Resultat leuchtender Impulse, so besingt George diese Kluft in Versen, die der ‘Fibel’ als Geleit voranstehen und deren vollendete Form ihren pessimistischen Inhalt Lügen zu strafen scheint: „Das ist das erste klagen, / Weil hellster traum als wort nur trügt / Und weites stolzes jagen / So wirr und schwach wird wenn gefügt.

Ein weitaus bekannteres Gedicht, in dem das Verhältnis von Sagen und Sein berührt wird, ist in Georges letztem Gedichtband ‘Das neue Reich’ enthalten und mit ‘Das Wort’ überschrieben: Wie Fra Angelico 35 Jahre zuvor, so wird auch hier der Künstler – ein Dichter diesmal – als Jäger und Sammler imaginiert, unablässig nach Erscheinungen fahndend, um sie aus jedem Winkel der Seelenwelt in sein Heimatland, das der Sprache, zu überführen. Eines Tages gibt es einen besonderen Fund zu verzollen: „Einst langt ich an nach guter fahrt / Mit einem kleinod reich und zart.“ An den Grenzen seines Landes obliegt es der Schicksalsgöttin, der grauen Norn, jenes Wort, das der wahrgenommenen Empfindung entspricht, im Schacht ihres Brunnens zu bergen. Doch in diesem Fall bleibt das Gefühlte ohnegleichen: „Sie suchte lang und gab mir kund: / ‚So schläft hier nichts auf tiefem grund‘ / Worauf es meiner Hand entrann / Und nie mein land den schatz gewann.“ Damit vollzieht George lyrisch eine Erkenntnis nach, die kurz zuvor der junge Ludwig Wittgenstein gewonnen hatte: dass die Grenzen der Sprache zugleich diejenigen der Welt bedeuten: „So lernt ich traurig den verzicht: / Kein ding sei wo das wort gebricht.“

Maximilian Kronberger

Zu den wenigen Erlebnissen, die Georges Wortvertrauen nachhaltig nährten, zählt die Begegnung mit Maximilian Kronberger: Als der Dichter 1902 in München auf den künstlerisch ambitionierten Gymnasiasten trifft, erblickt er in ihm einen Sendboten jener Sagenferne, nach der er selbst sich seit frühster Jugend verzehrt hatte: Ich sah vom berg aus ein erneuter / Wonach mein drang umsonst gefragt: / Das fernenland – du warst der deuter / Da es aus nebeln mir getagt.“ Wie später im Fall des Stauferkaisers und der Stauffenbergs, so mag George bereits hier kaum an Zufall glauben: “Riss ich nicht ins enge Leben / Durch die stärke meiner liebe / Einen stern aus seiner bahn?” Als Kronberger 16-jährig an Meningitis stirbt, sieht sich der berühmte Mentor zunächst, wie er in einem Brief bekennt, seinerseits „zu den letzten klüften“ hingeführt, tritt von dort jedoch bald zurück, um zu einer poetischen Apotheose des Freundes auszuholen, die zwar durchaus von Verehrung für den Verstorbenen zeugt, vor allem aber durchdrungen ist vom gefestigten Glauben an die performative Kraft des eigenen Wortes: „Nun dringt dein Name durch die weiten / Zu läutern unser herz und hirn, / Am dunklen grund der ewigkeiten / Entsteigt durch mich nun dein Gestirn.“

Dass die Epiphanie ‘Maximins’ – wie Kronberger fortan genannt wurde – möglich gewesen war, scheint George bis zu einem gewissen Grad mit seiner Zeit und ihren Widrigkeiten ausgesöhnt zu haben: Wollte Gundolf noch wenige Jahre zuvor mit der Kraft des Meisters das 20. Jahrhundert „in die Schranken weisen“, so empfindet George die Gegenwart nunmehr als gerechtfertigt: „Ihr hattet augen trüb durch ferne träume / Und sorgtet nicht mehr um das heilige lehn. / Ihr fühltet endes-hauch durch alle räume / Nun hebt das haupt – denn euch ist heil geschehn.“ Da das Wunder leibhaft in seine Lebenswelt hereingebrochen war (“Rückgekehrt vom land des rausches / Reicher strände frucht und blüte / Traf ich dich im heimat-lenze“), besteht George darauf, für den Umschlag eines Gedenkbuches, das er zu Ehren des Toten herausgibt, dessen Fotografie anstelle einer künstlerischen Abstraktion zu verwenden. Melchior Lechter, der die Buchprojekte des Dichters seit 1897 gestaltet und etwa den ‚Teppich des Lebens‘ zu einem Prunkband mit Messbuch-Charakter gemacht hatte, gab diesem Wunsch zwar letztendlich nach, begriff ihn aber als Sakrileg am Allegorischen und als Einbruch der Technik ins Hoheitsgebiet seines Handwerks.

Persona und Charakter

Nicht weniger klaffend als den Abstand zwischen säglichem Wort und unsäglichem Herzen darf man sich wohl das Missverhältnis zwischen Georges Auftreten im persönlichen Umgang und seiner nach außen gekehrten Persona vorstellen: Mit bannendem Blick und pochender Schläfenader pflegte er, den kurzen Hals durch hohe Krägen optisch streckend, gerade in späteren Jahren medusisch in das Objektiv von Theodor Hilsdorf Kamera zu grimassieren: „Is this guy a vampire?“, fragt sich und alle ein Kommentator unter einem YouTube-Video, das ein besonders düsteres Altersporträt Georges im Halbprofil präsentiert. „No“, erklärt ein anderer, „he is German.“ Aber ob nun Deutscher oder ob bloß Vampir: Zu Scherzen, so hat man den Eindruck, wird dieser Mann kaum aufgelegt gewesen sein, der für Sibylle Lewitscharoff auf allen überlieferten Bildern „reptilienhafte Reglosigkeit“ ausstrahlt und dessen „grünliche Pergamenthaut“ schon die Binger Jugendfreundin Ida Coblenz als unlebendig beschrieben hatte. Er habe sich des Gefühls nicht ganz entschlagen können, einen Werwolf vor sich zu haben, notierte der Literaturprofessor Ernst Bertram später über seine erste Begegnung mit George, dessen Zügen er im ‘Bildnis eines Meisters’ literarisch gedenkt: “Von irgendeiner alten Grausamkeit / Vergraben in den Wangen sich die Schmerzen.”

He is German

Doch erfüllte George zum Wohl seiner Umwelt längst nicht immer, was seine Physiogonomie zu verheißen schien: 1903 zählt er etwa zu den Mitbegründern eines nicht restlos seriösen Interessenverbandes, namentlich der ‘Gesellschaft der Berliner Empfänger Wolfskehlischer Briefe’. Erklärtes Ziel dieser losen Vereinigung war es, gegenüber Karl Wolfskehl, dessen Handschrift sich auch aufgrund seiner ausgeprägten Sehschwäche mitunter „etwas runenartig“ las, auf größere kalligraphische Sorgfalt zu dringen. Auch bei andereren Gelegenheiten schlug George mitunter ungeahnt saloppe Töne an: Nach der Entfremdung von seinem langjährigen Buchgestalter Melchior Lechter befragt, der sich 1905 in theosophischem Eifer ein Bildnis von Helena Blavatsky in sein Atelier gehängt hatte, ließ George rückblickend wissen, die Entzweiung habe ihren Lauf genommen, „wie damals die dicke Madam bei ihm einzog“. Und als der Schweizer Jünger Wilhelm Stein bei einem Spaziergang durch Bern wohl etwas zu pathetisch anmerkte, die Stadt dürfte mittlerweile ebenso viele Einwohner zählen wie Athen zu Zeiten des Perikles, erwiderte der Dichter trocken: „So viele hatte wohl auch Chemnitz im Jahre 1860.“

Wechsel im Gleichen

Auf die Vielzahl von Gesichtern und Registern, die George im Laufe seines Lebens zeigte und zog, hebt sowohl Gottfried Benn ab, wenn er dem Konkurrenten bescheinigt, mit Schalmeien begonnen und Hörnern geendigt zu haben, als auch Robert Boehringer, der die lyrische Stimme seines Mentors als zugleich „harnischhart und zart“ besingt. Beide dürften sich in ihren Einschätzungen auch an das „Zeitgedicht“ aus dem ‚Siebenten Ring‘ gehalten haben, dem biographisch wie poetologisch eine Schlüsselrolle beim Nachvollzug von Georges Werdegang zukommt: „Ihr sehet wechsel doch ich tat das gleiche“, bekundet der Dichter dort, der Anfechtbarkeit seiner Maskenspiele wohl bewusst: Zu Unrecht, so gibt er im Folgenden zu verstehen, habe man ihn vor der Jahrhundertwende als „salbentrunkenen Prinzen“ abgetan, „der sanft geschaukelt seine takte zählte.“ Im Windschatten dieser Fehldeutung habe er, der als harmlos Verkannte, die Hörigen „mit schmeichelnden verliebten tönen“ zum Wunderberg gelockt, um erst dort vom „arkadisch säuseln“ und „schmächtig prunken“ zu jenem apodiktischen Donnern umzuschwenken, unter dem er sie Jahrzehnte später „schmetternd wieder ins gedräng“ befehligte. Für diese Absicht, so schließt George nicht ohne Genugtuung, für die irdische Agenda des belächelten Sterneguckers, habe man bis zuletzt keinen Sinn gehabt: „Ihr kundige las‘t kein schauern, las‘t kein Lächeln · / Wart blind für was in dünnem schleier schlief.“

Wirft man die Frage auf nach den Beweggründen für die beständigen Marschänderungen und führt man sich das schillernde Changieren zwischen Trutzburg und Elfenbeinturm, Todeskult und Lebensreform, zartestem Abgesang und dröhnendem Erneuerungspathos vor Augen, so kann der reißbretthafte Schematismus dieser Gegensätze den Verdacht der Berechnung begründen: Als habe George durch sein ambivalentes Wirken von vornherein den Nachweis führen wollen über die Beliebigkeit des Gesagten im Unterschied zur Art des Sagens, die ihm als wesentlich galt: „Unsere wahl hat nur verfasser getroffen“, hatte er im Vorwort zu seiner – gemeinsam mit Karl Wolfskehl herausgegebenen – Anthologie ‚Deutsche Dichtung‘ erklärt, „deren ton ihnen so eignet, dass er keines andern sein könnte.“ Da nicht zuletzt Georges eigener Ton, so vielfältige und widersprüchliche Anwendung er im Laufe von Jahrzehnten auch fand, in seiner Höhe, Färbung und Wucht bis heute ohne Äquivalent geblieben ist, mag sein Vers vom Wechsel und vom Gleichen am Ende womöglich auf nichts anderes verweisen als die Überfülle immer neuer Eingebungen und Anwandlungen, die er eisern in das immer selbe Joch einer unwahrscheinlichen Formkraft zwang: „So komm zur stätte wo wir uns verbünden! / In meinem hain der weihe hallt es brausend: / Sind auch der dinge formen abertausend / Ist dir nur eine – Meine – sie zu künden.“

Melchior Lechter: Orpheus (1896)

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