Alma Deutscher: Konservative Revolutionärin im Konzertsaal

Dass wir uns für Namenswitze zu schade sind, ist Reinhard Kriechbaums Glück. Sein Text über Alma Deutscher allerdings, die britische, seit 2018 in Wien wohnhafte und derzeit wohl aufhorchenswerteste Komponistin überhaupt, kann an dieser Stelle nicht ohne süffisante Kommentierung bleiben. Von Deutscher, Jahrgang 2005, hangelt sich der österreichische Kulturjournalist mangels Eignung oder Neigung zur musikfachlichen Kritik ungelenk und altersdiskriminatorisch weiter zu Greta Thunberg, Jahrgang 2003.

Der ökologische Fußabdruck wird deutlich weniger vorteilhaft ausfallen als bei Greta Thunberg. Für umweltschonendes Segeln über den Atlantik ist in der Turbo-Musikszene keine Zeit. Der eher verwunderte denn begeisterte Applaus für Alma Deutscher ließ ahnen: Es hat sich wohl nicht nur der Schreiber dieser Zeilen sehr gewundert über diesen „Event“ mit dem blutjungen Geschöpf, das beängstigend gestelzt vorbereitete Sätze von sich gegeben hat.

Reinhard Kriechbaum

Wie mag Purcell klingen in den Ohren eines Andrea-Berg-Geschädigten, wie wirkt Thomas Manns ‘Zauberberg’-Prosa auf Carolin-Emcke-Enthusiasten und wie wohl jeder Stummfilm-Klassiker auf die ‘Fack ju Goethe’-Fraktion? Mit hoher Wahrscheinlichkeit doch: “beängstigend gestelzt.” Schon das fließende und nahezu akzentfreie Deutsch der jüdischstämmigen Künstlerin verrät, dass sie bisher – als löbliche Ausnahme unter Angehörigen der Generation Z – offenbar all ihre Optimierungskraft zuvörderst diszipliniert auf das eigene Selbst verwandt hat statt gratismutig auf den gesamten Erdkreis. Jüngst befragt zur Fridays for Future-Bewegung, brachte Alma Deutscher es subtil fertig, bei Wahrung vollkommener Höflichkeit eine gewisse Distanz durchscheinen zu lassen:

Ich möchte gerne ein Lied für die Kinder schreiben, die demonstrieren. (…) So kann ich den Kindern helfen.

Alma Deutscher

Das wohl jeden erwachsenen Betrachter schmunzeln lassende Bild einer 14-jährigen Komponistin, Pianistin und Violinistin von älteren, ebenfalls noch jugendlichen Klima-Bewegten: ein aufgescheuchter Idealisten-Haufen, dem man allenfalls auf eigene Weise und über Umwege die Hand reichen mag.

Felix Mendelssohn, Goethe-Liebling und Victoria-Günstling, vielleicht größter Schottland-Reisender der Musikgeschichte, ist tot – und das schon eine ganze Weile. Davon würden Kundige zumindest so lange ausgehen, bis ihnen der israelische Linguist Guy Deutscher – Vater der Künstlerin – über den Weg liefe, der dem deutschen Frühromantiker wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Zurückgenommen und unauffällig, keinesfalls dem Klischee des Helikopter-Erziehungsberechtigten entsprechend, begleitet er die Tochter zu Anlässen wie ihrer pianistischen Einlage für Kurz und Putin in Wien 2018. “Herzliche Gratulation” richtet der alte und neue Kanzler Österreichs dem bebrillten Mendelssohn-Wiedergänger nach der musikalischen Darbietung seines Nachwuchses aus.

In den Privaträumen der Familie Deutscher trifft man neben antikem Mobiliar auch traditionell gehaltene Landschaftsgemälde an, die in Kassel auf Unmut stießen. Der Geltungsbereich des Kalokagathie-Prinzips erstreckt sich hier bis auf die Inneneinrichtung: Vortreffliche Seelen nicht nur in vortrefflichen Leibern, sondern diese Leiber auch noch in vortrefflichen Räumen. “How lucky Alma is” – hört man aus YouTube-Kommentaren gedämpft den Besitzneid heraus – “to have a family who can afford her training.” Anlass genug, um einmal mehr Selbstverständliches festzuhalten: Es ist nicht verwerflich, Unsummen von Geld anzuhäufen. Verwerflich wird Reichtum erst dann, wenn er nicht zu Löwenanteilen in das (re-)investiert wird, was Tano Gerkes Friseurin nicht von ungefähr zum “Sinn der Welt” erkärt: in die Schönheit.

Womit wir bei ebenjenem Stichwort wären, das Orchester wie Hörerschaft aufmerken ließ, als die Komponistin vor wenigen Monaten in der Wiener Staatsoper den Europäischen Kulturpreis Taurus entgegennahm und während ihrer Dankesrede den nackten Kaiser der musikalischen Moderne so offen brüskierte, wie es wahrscheinlich nur einer 14-Jährigen möglich gewesen wäre. Nach unzweideutig konservativ-revolutionären Tönen schien das Auditorium kurz innezuhalten: Hat sie das gerade wirklich gesagt? “Ja, hat sie wohl.” Und darf man nun akklamieren? “Wenn alle gemeinsam klatschen, dann war man als Einzelner im Zweifel bloß Mitläufer.” Getan fast eh gedacht: Der Beifall im Saal brandete, die Zwölfton-Schufte vor den Bildschirmen schäumten.

Bisher habe ich Melodien immer komponiert, wie sie aus dem Herzen kamen. Mir wurde aber oft gesagt, als moderne Komponistin solltest du dich auf Dissonanzen konzentrieren, wie es sich in unserem modernen Zeitalter geziemt. Vielleicht bedeutet diese Auszeichnung, dass ein toleranteres Zeitalter anbricht, in dem auch Melodie und Schönheit wieder geduldet werden. Vielleicht ist es eine Botschaft dafür, dass die europäische Kultur aus mehr besteht als nur Dissonanzen.

Alma Deutscher

Deutschers erfrischende Chuzpe, sich selbst und das eigene Werk als würdiges Fanal für den Anbruch neuer Epochen zu begreifen, kannte man bisher vor allem von Martin Heidegger – und Geschmackssichere können nur hoffen, dass beide in der historischen Rückschau Recht behalten mögen. Der Eindruck des gehetzten und verheizten, wahlweise von Eltern oder Managern fremdgesteuerten Wunderkindes jedenfalls, den Reinhard Kriechbaum aus Exzellenz-Misstrauen zu erwecken versucht, dürfte auf Greta weit eher zutreffen als auf eine Komponistin, die anscheinend schon in jüngsten Jahren erfahren hat, wie wenig in den Künsten das Forcieren lohnt.

Wenn ich versuche, eine Melodie zu bekommen, kommt sie nie zu mir. Normalerweise kommt sie zu mir, wenn ich mich ausruhe oder wenn ich am Klavier improvisiere oder wenn ich mit meinem Springseil hüpfe.

Alma Deutscher

Insbesondere Deutschers einfühlsam-hintergründige Bearbeitung von Goethes ‘Nähe des Geliebten‘ lässt im Vergleich selbst Schuberts Vertonung des Gedichts als harmlos und glatt, als zu unraffiniert und wohlgelaunt dastehen. Das Steigen der Welle, das Schweigen im Hain, des Wandrers Beben auf schmalem Steg: sämtliche Text-Feinheiten sind hier so traumwandlerisch sicher und klassisch klangschön ins Melodische überführt, dass Hoffnung auf Künftiges sich regt – ganz unabhängig davon, ob Alma Deutscher uns bloß einige weitere gelungene Lieder beschert oder aber ein neues Zeitalter.

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