Abenteuer Wahrnehmung

Gleichschaltung der Wahrnehmung? Inzwischen haben sich nicht nur die technischen Möglichkeiten, sondern auch die sonstigen Raffinessen der Gleichschaltung bedeutend weiterentwickelt. Da noch den Ausschalter zu finden, das ist schwierig, aber möglich.

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Wahrnehmung: Sehen, Hören, Riechen, Tasten, Schmecken. Das machen wir alle. Jederzeit. Was ist daran abenteuerlich?

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Das Abenteuer Wahrnehmung beginnt erst dann, wenn wir uns eingestehen, dass unsere Wahrnehmung vielfältig verstellt ist: Durch Konventionen, Gewohnheiten, Bequemlichkeiten, Ideologien. Und zunehmend durch virtuelle Realitäten.

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Das Abenteuer beginnt in dem Moment, in dem wir uns entschließen, diese Verstellungen zu beseitigen – sie an die Seite zu schieben, um die Welt unverstellt wahrzunehmen. Wir werden dann erleben, dass es nicht nur um sinnliches Wahrnehmen geht. Sondern auch um das Wahrnehmen von Sinn.

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Wahrnehmung: Führt sie uns denn immer zum Wahren? Nicht notwendig. In Platons Höhlengleichnis nehmen die Gefangenen die an die Wand geworfenen Schattengestalten wahr – und für wahr. 

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Es muss etwas hinzutreten, damit aus der Wahrnehmung die Erkenntnis von etwas Wahrem wird. Bei Platon: Die Idee des Guten, des Tauglichmachenden. 

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Im alltäglichen Verständnis: Unser bereits angesammeltes Wissen über die Welt kanalisiert unsere Wahrnehmung. Ist dieses Wissen falsch oder lückenhaft, wird unsere Wahrnehmung in die Irre gehen: Wir halten es dann für wahr, dass die Sonne sich um die Erde dreht und die Erde eine Scheibe ist.   

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Doch Wahrnehmung zielt nicht immer auf die Erkenntnis von etwas Wahrem im Sinne einer objektiven Tatsache ab. Ernst Jünger zeigt, dass die Wahrnehmung auch über das Objekt hinausgehen, es transzendieren und gleichsam in eine andere Existenzform verwandeln kann: Die Tigerlilie wird zum indischen Gauklerzelt. In dieser erweiterten Wahrnehmung überschreiten wir die Schwelle zur Welt des Abenteuers.

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Erweiterte Wahrnehmung erleben wir auch unter dem Einfluss von Drogen: Dinge, die eigentlich unbeweglich sind, beginnen zu tanzen. Stummes beginnt zu tönen, Graues entlässt einen Farbreigen aus sich, Begrenztes wird zu Grenzenlosem, Unbeseeltes wird lebendig und Oberflächen offenbaren abgründige Tiefen.

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Wir können unsere Wahrnehmung also beeinflussen. Doch geschieht dies nicht um den Preis einer Sinnestäuschung? Unter Drogeneinfluss nehme ich die Welt doch gerade so wahr, wie sie nicht ist. Oder nehme ich nicht vielmehr etwas an ihr wahr, was sich sonst der Wahrnehmung entzieht? Die Droge könnte auch als Türöffner verstanden werden zu einer ansonsten verschlossenen Ebene der Wirklichkeit. Die Sinnestäuschung wird zur Sinnesschärfung.

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Diese der alltäglichen Wahrnehmung verschlossenen Ebenen können wir auch durch Meditation, Ekstase, Askese, Schlafentzug und extreme Formen der Anstrengung betreten:

Die Welt ist dann voller seltsamer Wesen. Götter und Dämonen nähern sich. Materie und Geist verschmelzen. Die Droge wirkt im Vergleich zu solchen Techniken der Wirklichkeitserschließung wie eine unerlaubte Abkürzung. Daher auch das Heimliche und Unheimliche, das ihren Gebrauch oft umgibt. Die Götter lieben die Abkürzung nicht – geht der Betrug am Mysterium zu weit, strafen sie den Neugierigen durch Abhängigkeit und geistigen Verfall.

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In der virtuellen Realität geschieht wieder etwas anderes: Hier dringen wir nicht in die Wirklichkeit vor, sondern in artifizielle Welten – erzeugt durch die Phantasie eines Programmierers. Diese ist begrenzt, weshalb uns dort auch nie etwas wirklich Überraschendes begegnet. Sie mögen noch so komplex und vielschichtig erscheinen, doch in virtuellen Welten finden wir nichts, was nicht zuvor in sie hineingelegt wurde. Sie sind labyrinthische Inszenierungen, Kerker der Wahrnehmung. Dies würde selbst dann noch gelten, wenn virtuelle Welten eines Tages vollständig durch Algorithmen erzeugt werden.

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Am Beispiel der virtuellen Realität sehen wir, wie unsere Wahrnehmung durch ein außerhalb gelegenes System gelenkt werden kann. Virtuelle Realitäten können die Wahrnehmung so sehr absorbieren, dass es manchen Menschen schwerfällt, sie von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Wir müssen uns nur lange genug ihrem Einfluss aussetzen, dann verschwimmen die Grenzen um endlich ganz zu verschwinden. 

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Auch primitivere Formen der Wahrnehmungsveränderung von außen funktionieren auf diese Weise. Die Medien etwa erzeugen ein Bild der Wirklichkeit, an das wir glauben sollen. Damit wir daran glauben können, wird unsere Wahrnehmung ausgetrickst. Es werden Vorstellungen erzeugt von der Wirklichkeit, die wir dann in der Wirklichkeit wieder vorzufinden glauben.  

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Solche ideologisch motivierten Vorstellungen sind die gröbsten Verstellungen unserer Wahrnehmung des Wirklichen. Das betrifft vor allem die Erscheinungen der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Welt: Wir sehen, was wir sehen sollen. Aber wir sehen nicht, was wirklich ist.

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Wie gelangen wir ins Freie? Wie können wir uns befreien? Ideologien sind Filter unserer Wahrnehmung. Wir haben sie übernommen aufgrund gesellschaftlicher Konventionen, sind in sie hineingewachsen. Jeder -ismus, jedes -tum ist ein ideologischer Filter, der nur bestimmte Aspekte der Wirklichkeit hereinlässt. Alles andere wird herausgefiltert und der Wahrnehmung entzogen. Es kommt nun nicht darauf an, einen -ismus durch einen anderen zu ersetzen: Sozialismus durch Liberalismus, Konservatismus durch Faschismus, Bibel- durch Korangläubigkeit. Vielmehr geht es darum, sich sämtlicher Filter zu entledigen, um durch ursprüngliche Wahrnehmung zur Erkenntnis zu gelangen.

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Wer sich von solchen Filtern befreit, mit erweiterter Wahrnehmung auf die Welt blickt und die Dinge gänzlich anders sieht, wird mit Argwohn betrachtet – er stört das vertraute Spiel, bedroht die liebgewonnene Konvention, die Welt so und nicht anders zu sehen. In Platons Höhlengleichnis sträuben sich die Gefangenen mit Händen und Füßen dagegen, aus ihrer Schattenwelt befreit zu werden. 

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In der Welt der Ideologen kommt es zu Grabenkämpfen, in denen der Hass und der Vernichtungswille regieren. Am meisten gehasst wird nicht der ideologische Antipode, sondern derjenige, der das Ganze infrage stellt. 

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Weil es sicherer und auch bequemer ist, gesellschaftlich erlernte Verstellungen nicht infrage zu stellen, wagen nur die Wenigsten diesen Schritt ins Freie. Diesen Schritt nicht zu tun, mag klug erscheinen, führt er doch nicht selten ins gesellschaftliche Abseits. Man kann also durchaus etwas mehr als nur die vertraute Sichtweise verlieren, wenn man die Wahrnehmungsfilter ablegt. Alexis de Tocqueville hat die Mechanismen der Ausgrenzung, die wirksam werden, wenn jemand den Bereich der zulässigen Wahrnehmung verlässt, bereits 1835 in aller Schärfe erkannt. Doch genau dieser Mut, sich für seine Grenzübertretung nötigenfalls auch ausgrenzen zu lassen, ist gefragt. Die Ausgrenzung kann wie ein Schock wirken, der uns ins Unverstellte versetzt – und damit in eine Welt des Staunens.

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Wir müssen das Staunen wieder lernen. Lernen, wie ein Kind anfänglich und unbefangen auf die Welt zu schauen. Wir werden dann vieles anders sehen. 

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Staunen ist bei Platon und Aristoteles der Anfang der Philosophie. Im Hinterfragen der bloßen Meinungen und Selbstverständlichkeiten zeigen sich die Dinge von einer erstaunlichen Seite. Unsere Wahrnehmung ändert sich – und mit ihr die Welt. Die Rückseite des Mondes zeigt sich.

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»Abenteuer Wahrnehmung« von Lutz Meyer erschien zuerst in der Druckausgabe #1 zum Thema Abenteuer, das Heft ist hier erhältlich. #2 erscheint im Dezember.

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